WinterRaid

Oldies im Schnee

Rund 50 Oldtimer haben sich zusammengefunden in St. Moritz. Alle mit dem unvergleichlichen Raid-Fieber in den Benzinleitungen. Ältestes Auto ist ein Rockne Six 75 von 1932, dann folgen Alvis und Lagonda von 1934.

Gleich geht’s los

1. Tag: Rund 50 Oldtimer haben sich zusammengefunden in St. Moritz. Alle mit dem unvergleichlichen Raid-Fieber in den Benzinleitungen. Ältestes Auto ist ein Rockne Six 75 von 1932, dann folgen Alvis und Lagonda von 1934. Doch der grösste Teil bewegt sich in den 60er- und 70er-Jahren. Die jüngsten Teilnehmer sind zwei Porsche 944, die ganz knapp das Oldiealter erreicht haben. Wir fahren mit dem Lancia Fulvia HF 1300 von 1969 mit — notabene einem echten Werksrallyewagen, der weit wildere Fahrten gewohnt ist.

Bei der technischen Abnahme werden auch wichtige Dinge wie Schneeketten oder Ersatzglühbirnen begutachtet. Doch dann gibt es den ersehnten blauen Aufkleber, und es kann losgehen mitten ins Zentrum von St. Moritz, wo die Autos auf sehr gedrängtem Raum auf den Start zur ersten Etappe warten. Gerade die Fahrer der offenen Vorkriegswagen bekommen viele Fragen: wie das denn so sei, so den ganzen Tag im Winter draussen am Fahrtwind… Der moderne Automobilist kann sich die damaligen Strapazen nicht mehr vorstellen. Der Winter-Raid im Uralt-Oldie gibt wenigstens einen kleinen Einblick.

Unser Lancia fährt ausgezeichnet durch die Winterlandschaft von Graubünden und dann rüber in Richtung Bormio; aber durch verschlungene Wege. Die Dunkelheit bricht schnell herein, die Anweisungen im Roadbook sind zwar eindeutig, aber die Dämmerung lässt oft Interpretationsspielraum, welche Abzweigung denn nun gemeint sei, und die eine oder andere Diskussion im Cockpit bleibt nicht aus. Morgen machen wir es besser!

 

Endlich genug Pässe

Der zweite Tag brachte die ersten Fahrten bei Tageslicht, allerdings blieb der Schnee Mangelware. In den höheren Lagen der Dolomiten war zwar oft Eis auf den Bergstrassen, was beherzte Raid-Fahrer auf ihren Rallye-erprobten Fahrzeugen nicht daran hinderte, deren beider Limits zu erforschen. Die Gipfel der Dolomiten waren denn auch das absolute Highlight dieses in zwei Etappen à 137 und 179 km gefahrenen Raid-Abschnitts.

Weniger Spass hatten oft die Co-Piloten und -Pilotinnen, die mit dem Ausrechnen von Ankunftszeiten beschäftigt waren, denn wie immer waren die Etappen mit Sonderprüfungen und Vorgaben an einzuhaltende Durchschnitte gespickt. Ausserdem waren einige Kontrollpunkte, die per Stempel quittiert werden mussten, nicht einfach zu finden. Doch das macht gerade den Reiz des Raid aus, nicht nur in der — wenn auch sehr schönen — Gegend rumzufahren, sondern auch den Grips zu beschäftigen. Das Ziel Cortina d’Ampezzo kam erst bei eingebrochener Dunkelheit in Sicht. Morgen sind dann noch mehr Pässe und ausschliesslich Pässe zu bewältigen. Gibt es endlich Schnee? Die Schneeketten wollen wir doch nicht unbenutzt wieder nach Hause nehmen…

 

… und noch mehr Pässe

Das Resümee am Ende von Tag 3 lautet: ein gefühltes Dutzend Pässe von Cortina d’Ampezzo aus und wieder zurück befahren. Genaues Nachzählen ergibt dann aber „nur“ die Zahl von sechs echten Dolomitenpässen. Doch dazwischen gab es kaum einen Meter, der nicht rauf oder runter oder um die Kurve ging. Geradeausfahr-Eigenschaften des Oldies waren gar nicht gefragt. Und die Ü-2000-m-Pässe gaben dann endlich den Blick auf die ersehnten Schneewände frei. Zwar waren die Strassen meist geräumt und nur hie und da mit Schnee bedeckt, doch immerhin war alles weiss in den oberen Lagen. Der Lancia hielt perfekt durch, auch wenn der kleine 1,3-Liter-Motor zwar Drehzahlen, aber kein Drehmoment liefert. Die Konkurrenz war da oft im Vorteil — bergauf. Aber bergab war der Lancia wieder in seinem Element und zeigte, was ein vorderradgetriebenes Rallyeauto so alles kann.

Die Schlauch- und Regelmässigkeitsprüfungen waren heute besonders fies. Insbesondere waren die Schnittgeschwindigkeiten in anspruchsvoller Berglandschaft schon nicht recht anspruchsvoll. Aber dafür haben wir doch bezahlt, oder?

 

Endlich das Ziel in Sicht

Der vierte Tag brachte die letzten beiden Etappen von Cortina d’Ampezzo nach Avalengo und schliesslich zum Ziel nach Tschierv. Endlich gab es schöne verschneite und vereiste Strassen. Der Veranstalter musste die geforderten Durchschnittsgeschwindigkeiten wegen der  Strassenverhältnissen für eine anstrengende Zwischenprüfung durch den vereisten Winterwald reduzieren. Ansonsten herrschte meist Frühlingswetter bei trockener und daher angenehmer Kälte.

Sieger wurde ein Lancia Fulvia 1.3 HF! Aber leider nicht unserer. Wir landeten auf dem 38. Rang von 50 gestarteten Fahrzeugen. Es gab nur einen einzigen Zwischenfall: der rotweisse Triumph TR4 kam von der Strasse ab — nur Blechschaden.

Die strahlenden Sieger heissen Manuel Roth aus der Schweiz und sein deutscher Co-Pilot Guido Koch mit sensationellen 130 Strafpunkten (wir hatten 3447…). Dann folgte der Austin Mini Cooper S von Fritz und Basil Erath. Rang 3 ging wieder an ein deutsches Team: Peter Esser und Christian Dollinger auf Mercedes 220 SB von 1966. Alles Ergebnisse finden Sie auf: www.raid.ch

18 Jan 2016