Cadillac ATS-V Coupé

ONCE AGAIN!

Redaktor Michael Lux wagte sich zum zweiten Mal auf den Circuit of the Americas in Texas – diesmal in Cadillacs neuer Top-Version des ATS, dem ATS-V.

Never say never!» Als vor zwei Monaten mein Flieger von Austin/ Texas Richtung Europa startete, war ich ziemlich sicher, dass es mich im Leben nie mehr hierher verschlagen würde. Wer in Amerikas selbsternannter Musikhauptstadt nichts mit Country am Hut hat, hat hier nichts zu schaffen. Einzige Ausnahme: Man ist im «car business», wie das so schön heisst. Denn ausgerechnet hier, mitten in der Pampa, haben die Texaner mit dem «Circuit of the Americas» eine Formel-1-Strecke vom Feinsten aus dem Boden gestampft. Als Strukturmassnahme sozusagen. Und die beginnt langsam zu greifen: Erst im Februar schickte BMW uns Journalisten mit dem X6M auf den COTA, jetzt hat Cadillac zum Tracktest im ATS geladen. Eine Limousine auf der Formel-Rennstrecke, are you crazy? Nein, diese Frage stelle ich mir mittlerweile nicht mehr. Ausserdem handelt es sich ja nicht um irgendeinen ATS, sondern um die legendäre V-Serie, mit der Cadillac erstmals auch Coupé und Limousine des kleinen Mittelklassemodells krönt. Statt des üblichen Vierzylinders treibt den ATS-V ein V6-Twin-Turbo mit 470 PS und 600 Newtonmetern an. Das klingt doch schon mal vielversprechend, oder?

Caddy mit Launchcontrol

Das Vorgeplänkel mit geführten Runden überspringen wir jetzt mal. Endlich darf ich allein auf die Strecke. Track-Modus: Motor, Lenkung und Dämpfer sind maximal angeschärft – nur so lässt sich die Launchcontrol anwählen. Am spektakulärsten soll der handgeschaltete ATS-V aus der Boxengasse schnalzen. Also Kupplung durchdrücken, Vollgas – und ab dafür! Mit quietschenden Reifen und ausschlagendem Heck marschiert das Sportcoupé die steil ansteigende Startgerade hinauf. Gleich kommt die erste heftige Linkskurve. Die nehme ich zunächst lieber im Sportmodus, in dem das ESP noch sanft mit anpackt. Runterbremsen, zurück in den Zweiten, voller Lenkeinschlag und rum! Gleich kommt das Heck! Nein, alles easy. Locker flockig lenkt der Caddy um die Curbs, schiebt dabei nur moderat über die Vorderräder. Chefentwickler David Leone hat nicht zu viel versprochen, als er das agile Handling des Hecktrieblers lobte. Dank fast neutraler Gewichtsverteilung und elektronischem Hinterachsdifferenzial lässt sich der ATS-V problemlos um die Kurven zirkeln. Fast schon leichtfüssig wedelt er durch die Kombination aus Links-Rechts-Kurven, die der ersten Kehre folgt. Schon der normale ATS überraschte mit seinem ausgewogenen Fahrwerk, die V-Version wirkt deutlich straffer. Neben der zusätzlich versteiften Karosserie haben die Entwickler vor allem Fahrwerk und Aufhängung optimiert. Unter anderem wurden die Mehrlenker vorn und hinten verstärkt sowie Federn mit höherer Federrate und steifere Querstabilisatoren verbaut. Und die neueste Generation des adaptiven Dämpfersystems «Magnetic Ride Control» soll sich fast doppelt so schnell der Fahrbahn anpassen wie bisher: «Faster than you can blink», erläutert David Leone für alle, die nicht so gern in Millisekunden rechnen. Gefühlt genauso schnell reagieren die Sechskolbenbremsen von Brembo, wie wir im Bremsversuch von 100 mph auf null erfahren. «You will feel your neck tonight», hat ein Instruktor noch gewarnt, bevor es auf die Rennstrecke ging – denn die Bremsen greifen sogar noch schneller als erwartet.

Kein Allrad, kein Handschalter

«Alles schön und gut, aber wie steht es mit Allradantrieb?» Die Frage musste ja kommen. Und weil kein anderer Schweizer Journalist anwesend ist, stelle ich sie halt. «Zu schwer», winkt Leone ab. «Allein an der Vorderachse wären das 90 Kilo mehr», erklärt er. Der Charakter eines leichten und sportlichen Fahrzeugs solle nicht verfälscht werden. Schliesslich hat man sich viel Mühe gegeben, Gewicht zu sparen – angefangen bei der Motorhaube aus Karbon über den Turbo mit Titankolben und Alurotoren bis hin zum neuen Achtstufenautomat, der 12 Kilo leichter ist als die Sechsstufenautomatik im ATS. Der selbst entwickelte Wandler erlaubt ausserdem deutlich kürzere Schaltzeiten. Gut so, denn in die Schweiz kommt der ATS-V im Herbst nur als Automat. Auf der Rennstrecke macht er aber fast genauso viel Spass. Da ist es jammerschade, dass die «Hot Laps» immer so schnell vorbeigehen. Aber vielleicht gibt es ja doch ein Wiedersehen auf dem COTA. Never say never!

Cadillac ATS-V Coupé V6-Turbobenziner

Preis ab 95'900 Fr. (Limousine 89'000 Fr. )
Hubraum 3564 cm3
Leistung 346 kW/470 PS
Drehmoment 600 Nm bei 5850/min
0 bis 100 km/h ca. 4,0 s
Spitze 299 km/h
Norm-Mix k.A.
CO₂/Effizienzkat. k.A.
Länge/Breite/Höhe 4691/1841/1384 mm
Leergewicht k.A.
Ladevolumen 295 l

Michael Lux sagt:

"So toll die Rennstrecken- Tauglichkeit des ATS-V auch ist, die wenigsten werden sich den Caddy dafür zulegen. Durch die verschiedenen Fahrmodi sind Coupé und Limo aber wandlungsfähig. Im Touring-Modus reist man äusserst komfortabel, ohne dass Fahrwerk und Lenkung den typischen Ami-Lastern verfallen würden. Das nur leicht angeschärfte Äussere passt zum Konzept des gepflegten Understatements."

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23 Jul 2015