Alfa Romeo Junior Ibrida Q4

Die bleiernen Jahre sind vorbei

Der Alfa Romeo Junior trägt einen legendären Namen, der einst für Leichtigkeit, Schnelligkeit und politische Unruhe stand. Heute ist der Junior das Auto der urbanen Vernunft. Aber kann der Junior Ibrida Q4 trotzdem ein bisschen unvernünftig sein, wie es sich für einen Alfa gehört?

Veröffentlicht am 31.08.2026

Dass dieses Auto ursprünglich Milano heissen sollte, ist eine jener Geschichten, die perfekt zu Alfa Romeo passen. Zu italienisch für Polen, wo er gebaut wird, zu politisch für den Gesetzgeber – also wurde aus Milano kurzerhand Junior. Ein Name mit viel Historie und noch mehr Erwartungshaltung. Der Haken: Früher stand Junior für leichte Coupés und rebellischen Esprit, heute für ein elektrifiziertes B-SUV. Zeiten ändern sich. Auch bei Alfa.

Die goldenen Alfa-Jahre fielen mit Italiens «Anni di Piombo» zusammen – bleierne Jahre voller politischer Spannungen. Damals half ein Alfa Romeo 2000 GT sogar bei der spektakulären Flucht von Andreas Baader. Heute leben wir bleifrei, zivilisiert und hybridisiert. Auch Alfisti sollten langsam akzeptieren, dass sich Leidenschaft inzwischen mit Steckern, Software und CO?-Zielen arrangieren muss.

Alfa aussen, Stellantis innen

Optisch macht der Junior vieles richtig. Die schmalen LED-Tagfahrlichter, der heftig diskutierte Kunststoff-Scudetto, das knackige Heck: Der Junior hat Gesicht und Haltung. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass er technisch auf der Stellantis-CMP-Plattform steht – verwandt mit Opel Mokka, Jeep Avenger, Fiat 600e oder DS 3.

Umso wichtiger: Der Junior wirkt nicht wie ein geschminkter Konzernbruder. Vor allem von vorne und hinten ist er eigenständig, fast frech. Während viele B-SUVs wie hochgelegte Kleinwagen aussehen, gibt sich der Junior als geschrumpftes Performance-SUV. Mit viel Fantasie erinnert die Front an einen Ferrari Purosangue, das Heck entfernt an einen Aston Martin DBX. Mutig? Ja. Ein Alfa Romeo darf anecken. Das Design stammt vom neuen Alfa-Designchef Alejandro Mesonero-Romanos – und ist neben dem limitierten 33 Stradale seine erste echte Duftmarke.

Vernunft statt Verdi

Unter der Haube arbeitet kein V6-Busso, der «chlöpft und tätscht». Das ist seit über 40 Jahren vorbei. Stattdessen gibt es einen bekannten 1,2-Liter-Dreizylinder-Mildhybrid mit 145 PS und 230 Nm, kombiniert mit einem ins Doppelkupplungsgetriebe integrierten Elektromotor an der Vorderachse sowie einem zweiten E-Motor an der Hinterachse. Das Ergebnis: ein elektrischer Allradantrieb Q4, ganz ohne Kardanwelle. Die Hinterachse wird nur situationsabhängig zugeschaltet – für Traktion, nicht für Drama.

In der Theorie klingt das überzeugend. In der Praxis ist der Vortrieb solide, aber nicht elektrisierend. Der Junior ist kein Ristretto, eher ein Latte macchiato. Beim Anfahren braucht er einen entschlossenen rechten Fuss. Wer zärtlich antippt, bekommt ein italienisches «Ma che vuoi?». Ist der Antrieb wach, geht es ordentlich voran – allerdings ohne Alfa-typischen Herzschlag.

Fahrwerk für den Alltag

Das Fahrwerk ist klar auf Komfort und Alltag getrimmt. Der Junior federt angenehm, bleibt lange neutral, wankt wenig und erlaubt erstaunlich hohe Kurvengeschwindigkeiten – stressfrei und sicher. Der Q4-Allrad bringt vor allem bei Nässe oder schlechtem Untergrund ein Plus an Stabilität, nicht an Sportlichkeit. Die Lenkung dürfte direkter sein, das Bremspedal straffer, die Rückmeldung entschlossener. Das ist keine Kritik. Der Junior will nicht kämpfen, sondern funktionieren. 

Innen typisch Alfa

Innen erkennt man sofort: Das ist ein Alfa. Schuld daran ist das klassische «Cannocchiale»-Cockpit mit zwei Röhren für Drehzahl und Geschwindigkeit – ein Cockpit-Designmotiv aus den 1960er-Jahren. Früher blinkten da gerne rätselhafte Warnlampen, heute ist die Technik so zuverlässig wie eine Waschmaschine.

Im Innenraum gibt es viel Kunststoff, um das Wort Plastik zu vermeiden. Positiv ist die tiefe Sitzposition – ungewöhnlich für ein SUV, aber sehr Alfa. Der Fond bleibt, wie es sich gehört, eher Junior als Senior. Grossgewachsene sitzen vorne besser.

Dafür punktet der Junior mit guter Bedienlogik: echte Klimatasten, physischer Home-Button, Shortcut zum Abschalten nerviger Assistenzsysteme. Das Infotainment bleibt funktional, das digitale Cockpit übersichtlich. Apple CarPlay und Android Auto erledigen den Rest.

Der Kofferraum überrascht mit 415 bis 1280 Litern Ladevolumen – variabler Ladeboden, gute Zugänglichkeit. Konzern-Know-how kann eben auch Vorteile haben.

Junior damals, Junior heute

Der historische GT Junior war ein leichtes Coupé für Rebellen, Intellektuelle und Politromantiker – ein Auto der bleiernen Jahre. Der heutige Junior Ibrida Q4 ist sein Gegenteil: hybridisiert, allradgetrieben, konfliktscheu. Beide sind ehrliche Spiegel ihrer Zeit. Trotzdem: Milano hätte besser gepasst.

Fazit

Der Alfa Romeo Junior Ibrida Q4 ist kein Alfa für Puristen. Er ist ein vernünftiger, gut gemachter, charakterlich gezähmter Alfa. Mehr Stellantis als Alfa – aber vielleicht genau das, was die Marke heute braucht: Stabilität statt Drama, Pop statt Oper. 

Text: Jürg Zentner

Bilder: Alfa Romeo

<< Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren: