Schätze unter Staub

Die legendärsten Scheunenfunde

Jeder Autofan träumt davon, eines Tages ein Scheunentor zu öffnen und dort unter Heuballen einen Schatz aus Chrom zu finden. Denn Scheunenfunde verbinden Romantik mit Rendite. Hier kommen die spektakulärsten Entdeckungen – mit Zahlen, die man zweimal lesen muss.

Veröffentlicht am 01.08.2026

Staub. Spinnweben. Ein schwacher Lichtstrahl fällt durch ein morsches Holztor, das sich knarrend öffnet. Und dann steht da plötzlich Automobilgeschichte im Wert eines Mehrfamilienhauses. Wie Kunsthändler vom verschollenen Kunstwerk auf dem Flohmarkt träumen Oldtimerfans vom ultimativen Scheunenfund.

Doch die grosse Zeit der Scheunenfunde ist leider vorbei. Zwischen 2005 und 2015 schienen fast wöchentlich neue vergessene Lamborghinis Miura, Ferraris 250 oder Gullwing-Mercedes zwischen Gerümpel aufzutauchen. Der Grund dafür war, dass viele der ursprünglichen Besitzer starben. Und die Erben nicht schlecht staunten, was sie in alten Schuppen für Schätze fanden, die zum Teil jahrzehntelang vor dem Fiskus versteckt worden waren. Ausserdem gibt es heute kaum noch unbenutzte Scheunen, weil Grundstücke und Immobilien wertvoller geworden sind.

Baillon-Sammlung: der heilige Gral

Was für Archäologen 1922 die Entdeckung des Grabs von Tutanchamun war, ist die Baillon-Sammlung für Oldtimerfans. 2014 wurde auf einem Gelände in Westfrankreich eine der aussergewöhnlichsten Autosammlungen entdeckt. Der Unternehmer Roger Baillon hatte in den 1950er- und 1960er-Jahren rund 60 Fahrzeuge zusammengetragen. Dann ging das Geld aus – die automobilen Schätze gammelten vor sich hin. Als Baillon starb, beauftragten seine Erben Auktionsexperten, den zum Teil sehr rostigen Blechhaufen unter die Lupe zu nehmen. Doch was auf den ersten Blick wie eine Müllhalde aussah, war in Wahrheit ein Vermögen wert. Sie fanden automobile Perlen wie einen Talbot-Lago T26, der einst König Farouk von Ägypten gehörte. Oder einen Ferrari 250 GT California Spider – eines der begehrtesten Sammlerautos der Welt. Unter einem Stapel alter Zeitschriften entdeckten sie einen weiteren Ferrari, der einst Alain Delon gehörte und im Film «Les Félins» zu sehen war. Der Gesamtverkauf der Sammlung brachte rund 25 Millionen Euro ein.

Collection Schlumpf: die geheime Bugatti-Stadt

Autos können zur Obsession werden – und manchmal sogar zum Ruin führen. So geschah es den Brüdern Schlumpf, die 1957 eine grosse Textilfabrik in Mulhouse übernahmen. Die anfangs reichen Unternehmer investierten in den 1960er-Jahren enorme Summen in den Kauf historischer Bugatti-Modelle. Fast schon obsessiv horteten sie über 500 Fahrzeuge in ihrer Fabrik – hinter verschlossenen Türen. 1977 wurde ihr Geheimnis publik. Leider zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Denn die über 2000 Arbeiterinnen und Arbeiter streikten, weil sie keinen Lohn mehr erhielten. Die Textilfirma ging bankrott, alle verloren ihren Job. Was blieb, ist die wohl grösste Bugatti-Sammlung der Welt – heute zu sehen im Musée national de l’Automobile – Collection Schlumpf in Mulhouse. Mit einer Ausstellungsfläche von rund 25 000 Quadratmetern – davon 17 000 in einer einzigen riesigen Halle – gilt es als grösstes Automobilmuseum der Welt.

Rudi Kleins rostige Schatzkammer

Vanity Fair stellte Rudi Klein einst einen Blankoscheck aus – so sehr wollten sie sehen, welche automobilen Filetstücke sich auf seinem Schrottplatz versteckten. Klein lehnte ab. Niemand hatte die Sammlung des Schrotthändlers je zu Gesicht bekommen. Bis 2025, als ein Teil der Sammlung unter den Hammer kam. Neben über 130 Motoren- und Ersatzteillots wurden auch 67 Autos und drei Motorräder versteigert. Die meisten Porsches, Ferraris oder Maseratis waren als solche kaum noch zu erkennen – doch für Restauratoren sind originale Teile unbezahlbar. Inmitten des Rosts und ausgeschlachteter Unfallfahrzeuge gab es jedoch auch einige Exemplare, die von Rudi Klein persönlich gefahren wurden und danach jahrzehntelang in einem Schuppen auf dem Schrottplatz standen. Ein Highlight war ein Mercedes-Benz 300 SL «Alloy» von 1956 – einer von nur 29 gebauten Aluminium-Flügeltürern. Das Auto erzielte rund 9,3 Millionen US-Dollar. Ebenfalls versteigert wurde Rudolf Caracciolas Mercedes-Benz-500-K-Spezialcoupé von 1935 für über vier Millionen US-Dollar. 44 Jahre lang war dieses Auto vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen.

Ferrari unter der Plane – der Fund in Arizona

Auch einzelne Autos können zur Sensation werden. 2018 entdeckte ein Mechaniker in Arizona einen Ferrari 275 GTB/2 von 1966, der seit den frühen 1980er-Jahren unbewegt in einer Garage stand. Der Wagen war komplett original – inklusive Staubschicht und platt gestandener Reifen. Der Besitzer hatte das Auto nach einem Motorschaden einfach abgestellt und nie wieder angefasst. Bei einer Auktion brachte der Ferrari später über zwei Millionen US-Dollar ein.

Dielmann-Sammlung: The Great Montana Barn Find

Lewis Dielman liebte Autos – und seine Sammlung wurde legendär. Alles begann mit einer Wette. Lewis wollte unbedingt ein Auto kaufen. Sein Vater George meinte: «Ich wette, du kannst die Autos, die du gesehen hast, nicht für je 50 US-Dollar kaufen.» Lewis nahm die Wette an – und kaufte sie für je 35 US-Dollar. So begann die Dielman-Sammlung. Vater und Sohn reisten fortan durch die USA, besuchten Auktionen und kauften Fahrzeuge, Lastwagen und andere Kuriositäten. Bereits in den 1980er-Jahren versteigerte Lewis mehrere Hundert Fahrzeuge. Doch bis zu seinem Tod sammelte er weiter. Drei Generationen von Oldtimern lagerten schliesslich in den Gebäuden zweier Bauernhöfe und in mehreren weiteren Hallen.

Henry Ruggieri – der französische Automessie

81 Autos brauchen eine wirklich grosse Scheune. Vielleicht war das der Grund, warum der zwanghafte Sammler Henry Ruggieri seine Autos überall verstreut hatte – in Nebengebäuden, auf Feldern und zwischen Brombeersträuchern. Das Auktionshaus musste die Fahrzeuge zunächst bergen und dokumentieren. Dabei stellte sich heraus, dass Ruggieri sie kaum benutzt hatte. Um Diebstahl zu verhindern, baute er bei vielen Autos wichtige Teile aus. Dem Jaguar E-Type Flat Floor fehlten beispielsweise die Mittelkonsole und ein Dynamo. Ein Lamborghini Miura P400 von 1968 entpuppte sich als nummerngleiches Fahrzeug – trotz fehlender Teile. Ein Schweizer Käufer zahlte dafür über eine halbe Million Franken.

The Georgia Porsche Graveyard 

Ein Porsche-Sammler hatte rund 30 bis 40 Fahrzeuge auf seinem Grundstück stehen – überwiegend 911 und 912 aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Darunter befanden sich aber auch einige 356er-Modelle, die hier seit Jahrzehnten verrotteten. Als im Jahr 2015 Bilder davon im Netz auftauchten, verbreitete sich schnell die Geschichte eines «Porsche-Friedhofs». Die Autos wurden später einzeln verkauft, viele gingen an Restauratoren.

Portugiesischer Autoschatz – Mythos oder Fake?

Um das Jahr 2007 tauchte im Internet die Geschichte eines New Yorkers auf, der in Portugal ein Grundstück kaufte und dort in einer Scheune Hunderte von verstaubten Oldtimern entdeckte. Fotos zeigten angeblich rund 180 Fahrzeuge – Alfa Romeo, Lancia, Porsche und viele weitere Klassiker. Die Sammlung soll einem Händler gehört haben, der in den 1970er-Jahren begann, Fahrzeuge einzulagern. Als seine Scheune voll war, soll er die Türen einfach zugeschweisst haben. Ob diese Geschichte wirklich stimmt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Michel Dovaz – Sammlung im Dornröschenschlaf

1983 entdeckte ein deutscher Fotograf auf einem französischen Bauernhof rund 50 Oldtimer. Verrostete Alfa Romeo, Aston Martin, Bugatti, Ferrari und Rolls-Royce standen dort im Dornröschenschlaf. Als eine deutsche Zeitschrift darüber berichtete, wurde der Besitzer ausfindig gemacht: der Schweizer Weinunternehmer Michel Dovaz. Er hatte seine «Sleeping Beauties» in Scheunen auf seinem französischen Anwesen gelagert. Nachdem er mehrfach bestohlen worden war, liess er die Sammlung später an einen sicheren Ort bringen.

Der Volvo-Schatz in der Eisenhütte

Unter einem Scheunenfund versteht man normalerweise vergessene historische Autos. Diese Sammlung historischer Volvo-Modelle in einer stillgelegten Eisenhütte in Schweden ist allerdings nicht vergessen – sie wird lediglich vor der Öffentlichkeit geschützt. Bekannt wurde sie durch die Website barnfinds.com. Der Standort wird bewusst geheim gehalten. In der Halle lagern zahlreiche Originale der Baureihen 444, 445, 210, 121 und 140. Der Besitzer hat die Sammlung über Jahrzehnte aufgebaut und plant, möglicherweise ein Museum daraus zu machen.

Der Dino im Garten

Es muss nicht immer eine Scheune sein. Manchmal findet man Schätze auch im eigenen Garten. So geschehen in Los Angeles. Im Dezember 1974 meldete ein Mann aus Kalifornien seinen zwei Monate alten Ferrari Dino 246 GTS als gestohlen. Laut Polizeibericht war das Auto spurlos verschwunden – und die Versicherung zahlte. Vier Jahre später stiessen zwei Jungen beim Spielen im Garten auf ein Stück Metall im Boden. Als die Polizei weitergrub, kam tatsächlich der verschwundene Ferrari zum Vorschein. Der Dino war erstaunlich gut erhalten. Nach einer Restaurierung fährt er noch heute – mit einem Kennzeichen, auf dem «DUG UP» steht. Kein Witz.

Text: Jürg Zentner 

Bilder: RM Sothebys, Hagerty, Auction News, Wikipedia

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