Fahrschul-Fitnesstest

Fahrschul-Fitnesstest – Stunde der Wahrheit

Als Youngster im Redaktionsteam liegt meine Fahrausbildung erst rund sechs Jahre zurück. Da müsste eine simulierte Autoprüfung doch ein Klacks sein! Oder?

Veröffentlicht am 30.12.2021

Zugegeben, etwas nervös werde ich schon, als Fahrlehrerin Brigitte Imbach-Keiser aus Baar mit ihrem Fahrschulauto, einem blauen 1er BMW, auf den Redaktionshof fährt. Schliesslich muss ich diese Prüfung bestehen! Wer weiss, ob mich mein Chef ansonsten noch ans Steuer von Testautos lässt. Doch als ich die gelernte Konditorin nach ihrer Einschätzung nach meinen Chancen frage, kommt gleich der erste Dämpfer: Sie rechnet mit einer 50/50-Chance, dass ich bestehe. Sehr motivierend!

Zusammen sind wir stark

Bevor es ans Eingemachte geht, wird zuerst die Theorie geprüft. Im ersten Durchgang darf ich noch mit meinen älteren Kollegen ran. Schnell entwickelt sich eine Gruppendynamik. «Das rote Auto hat Vortritt!» «Aber der fährt auf der Hauptstrasse!» «Schon, aber der will links abbiegen.» Im Dreiergespann können wir Fehler des anderen ausgleichen und uns bei Unklarheiten austauschen. Hat ein Sehbehinderter, der seinen Blindenstock hochhält, auch abseits eines Zebrastreifens Vortritt? Einer sagt Nein, zwei sagen Ja – so arbeiten wir uns demokratisch durch die Prüfung, die wir als Gruppe mit zehn Fehlerpunkten bestehen – 15 Punkte sind maximal gestattet. Na also, war doch gar nicht so schwierig!

Hochmut kommt vor dem Fall

Vom positiven Resultat ermutigt, wage ich einen zweiten Versuch – dieses Mal allerdings alleine.
Schnell fehlt mir die Gruppendynamik. Sobald ich mir meiner Sache nicht mehr sicher bin, bleibt nur noch raten übrig. Darf ich Kinder am Strassenrand anhupen? Darf ich an einem stehenden Tram an der Haltestelle vorbeifahren? Sind Allradler von der Schneekettenpflicht ausgenommen? Fragen über Fragen, und ich habe keine Antwort darauf! Die Quittung erhalte ich am Ende des Tests mit 23 Fehlerpunkten. Hoppla! Eigentlich dürfte ich anschliessend mit Brigitte gar nicht auf die Strasse, sondern müsste ausgiebig Theorie pauken! Die Blicke meiner Kollegen sind zudem hochgradig beschuldigend. Ich werde angeschaut, als wäre ich ein Aussenseiter, der nicht mehr zu ihnen gehört.
Wie beschämend!

Einfach kein Golf

Als ich mich im mit Spiegel vollgepackten Fahrschulauto einrichte, kommen Erinnerungen hoch.
Erneut steigt das leicht mulmige Gefühl in mir hoch, als meine Lehrerin den Spiegel so einstellt, dass sie mir direkt in die Augen schauen kann. Ich rolle los und beginne mit etwas Small Talk, damit das Fahren an sich in Fleisch und Blut und ins Unterbewusstsein übergeht. «Ein BMW in dieser Farbe wirkt halt attraktiver als ein Golf, der auch unter Fahrlehrern extrem verbreitet ist», so Brigitte. «Mit dem 150-PS-Diesel zieht er gut an, ohne dabei zum Rasen zu animieren», begründet die 39-Jährige ihre Wahl zum Einser. Ich spreche sie auf die vorhandene Rückfahrkamera an. «Jedes Hilfsmittel des Autos darf auch an der Prüfung verwendet werden. Aber ich achte sehr genau darauf, dass meine Schüler die Kamera nur zu Kontrollzwecken verwenden», doziert die Lehrerin, die ihren Beruf bereits seit 16 Jahren ausübt. Sie bietet auch Feedbackfahrten mit anschliessenden Auffrischungsstunden an. Mit gerade mal fünf Anfragen im Jahr ist die Resonanz allerdings sehr gering. Verwunderlich ist es aber nicht, schliesslich hält sich fast jeder für einen guten Autofahrer – ich inklusive!

Macht der Gewohnheiten

Im Moment kämpfe ich jedoch mit meinen wenig vorteilhaften Gewohnheiten. Das Ende der 50-km/h-Zone ist in Sicht? Erst zu spät realisiere ich, dass ich zu früh beschleunigt habe. Bei den Abbiegemanövern bemühe ich mich zwar, zuerst immer in alle Spiegel zu schauen, doch nicht jedes Mal kommt mir das vor dem Blinken in den Sinn. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass Brigitte eifrig am Kritzeln ist. Mist! Hoffentlich ist nicht schon alles verloren.

«Jetzt biegst du in das Weglein ab und machst eine Bergsicherung», werde ich instruiert. Gesagt, getan, anschliessend stelle ich den Motor ab. Easy, oder? «Jetzt tritt bitte die Kupplung durch», kommt die nächste Anweisung. Mit Entsetzen muss ich feststellen, wie das Auto ganz langsam beginnt zurückzurollen! Brigitte kritzelt wieder fleissig in ihren Block, und ich spüre allmählich, wie meine Schweissdrüsen ihre Arbeit aufnehmen und mir die salzige Flüssigkeit aus den Poren schiesst. 

Und ich manövriere mich immer tiefer in den Schlamassel. Fahre auf eine Kreuzung zu, ohne vom Beifahrersitz eine Richtungsangabe zu kommen. «Wo müssen wir hin?» «Du darfst hier nur rechts abbiegen», lautet die trockene Antwort. Das Gekritzel geht munter weiter. Ich habe das Gefühl, dass sich meine anfänglich prophezeite 50/50-Chance massiv ins Ungleichgewicht bewegt! Dass mir beim Anfahren in den Kreisel noch der Motor abstirbt, da ich versehentlich den dritten Gang eingelegt hatte, muss ich mir ankreiden. Dafür gelingt mir das finale rückwärtige Parkieren auf Anhieb und erspart mir allenfalls weiteres Gekritzel. Doch obwohl Brigitte nie eingreifen musste, scheint mein Schicksal besiegelt zu sein.

Zu dynamisch unterwegs

Das wenig überraschende Urteil lautet denn auch: «Wenn das eine Autoprüfung gewesen wäre, hättest du nicht bestanden.» Um die anschliessenden Fehler abzuarbeiten, muss Brigitte erst mal tief Luft holen. Die Rede ist von einer «hohen Dynamik», sprich, zu schnell um gewisse Kurven, schnelles Manövrieren mit ungenügenden Kontrollblicken und zackigen Abbiegemanövern ohne korrektes Einspuren, ebenfalls mit mangelhafter Blicktechnik. Weitere Abzüge gibt es für das Nichtblinken beim Umfahren von Hindernissen in der 30er-Zone. Ebenfalls nicht zufriedenstellend waren der Sicherheitsabstand auf der Autobahn sowie das zu späte Blinken vor der Abfahrt. Dazu kommen noch sämtliche Fehler, die mir während des Fahrens schon selber aufgefallen sind. Ganz schön heftig!

Es langt nicht

Immerhin werde ich für meine gute Beobachtungsgabe bei Fussgängern und meine Umsicht bei Rechtsvortritten gelobt. Auch das frühe, spritschonende Hochschalten ist der Expertin positiv aufgefallen. Um mein Ego wieder einigermassen zu besänftigen, frage ich sie, ob sie denn gerne mit mir mitfahren würde, einfach nicht in der Rolle als Fahrexpertin. Dass sie das trotz meines «dynamischen Fahrstils» bejaht, lässt mich aufatmen. Doch jetzt kommt der K.o.-Schlag: «Wärst du mein Fahrschüler, würde ich sagen, du benötigst noch ein paar Fahrstunden bis zur Prüfungsreife!» Um diesen Worten mehr Gewicht zu verleihen, liegt eine zerschnittene Kopie meines Führerausweises auf meinem Schreibtisch. Quasi als Mahnmal an meine besser geglaubten Fähigkeiten.

Text: Koray Adigüzel
Fotos: Nils Deparade 

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