60 Jahre Lamborghini Miura

«Das schönste Auto, das je gebaut wurde»

Der Lamborghini Miura war nie ein gutes Auto – im klassischen Sinn. Er ist vielmehr ein Erlebnis, entstanden aus Provokation, Rebellion, Wahnsinn und Genialität. Als der Miura 1966 am Autosalon Genf gezeigt wurde, veränderte sich die Sportwagenwelt für immer.

Veröffentlicht am 14.06.2026

Aufblende: Ein orangefarbener Lamborghini Miura fährt über den wunderschönen Grossen-Sankt-Bernhard-Pass, der das Wallis mit Italien verbindet. Am Steuer: ein cooler Typ, der sich eine Zigarette anzündet und zum Song «On Days Like These» von Matt Monro eine Kurve um die andere nimmt. Nachdem er in einen Tunnel fährt, heult der V12 kurz auf, bevor er in einen Radlader knallt, explodiert und am Berghang entsorgt wird. Der spektakuläre Tod in der Eröffnungsszene des Films «The Italian Job» (1969) machte den Lamborghini Miura unsterblich.

«Bleib bei deinen Traktoren»

Wie viele Heldengeschichten beginnt auch die vom Lamborghini Miura mit einem zornigen Mann. Der italienische Traktorenhersteller Ferruccio Lamborghini hatte genug. Von Enzo Ferrari, dessen unzuverlässigen Sportwagen und von der Arroganz der Marke, die keine Kritik hören wollte und ihn sinngemäss mit «Bleib bei deinen Traktoren» von dannen schickte. Die berühmte Abfuhr aus Maranello wurde zum Auslöser einer der legendärsten Marken der Automobilgeschichte. 1963 gründete Lamborghini seine eigene Automarke. Sein Ziel: bessere Gran Turismo als Ferrari bauen. Komfortabler, kultivierter, technisch ausgereifter.

Schön, schnell und kultiviert

Das erste Serienmodell, der Lamborghini 350 GT, war genau das, was Ferruccio Lamborghini wollte. V12-Frontmotor mit rund 280 PS: Der Anti-Ferrari war schön, schnell und kultiviert. 1966 folgte mit dem Lamborghini 400 GT eine Weiterentwicklung des Gran Turismo mit nunmehr 320 PS und vier Sitzen. Während Ferruccio Lamborghini zufrieden ein Fläschchen seines eigenen Rotweins genoss, braute sich unten in der Werkstatt eine Rebellion zusammen.

Junge Rebellen am Werk

Ferruccio Lamborghini wollte eigentlich weiterhin komfortable Gran-Turismo-Modelle wie den Islero bauen, doch seine jungen, ambitionierten Ingenieure Giampaolo Dallara, Paolo Stanzani sowie Testfahrer Bob Wallace hatten andere Pläne. Nach Feierabend bauten sie ein Chassis, das alles Bisherige auf den Kopf stellen sollte: Mittelmotor, quer eingebaut, de facto ein Rennwagen. Als technische Basis wählten sie einen aus gefalztem Stahlblech zusammengeschweissten Plattformrahmen, in den sie Löcher bohrten, um ihn leichter zu machen. Das Gewicht sollte sich auch möglichst günstig auf die angetriebenen Hinterräder verteilen, weshalb für Dallara und Stanzani nur eine Mittelmotor-Anordnung infrage kam.

Wir hätten gerne die Fluchwörter von Lamborghini gehört, als Dallara, Stanzani und Wallace ihr Feierabendprojekt vorstellten. Das Chassis war das Gegenteil eines Gran Turismo. Aber am Ende liess sich der Patron überreden und gab dem Projekt sein «Si». So zeigte Lamborghini 1965 am Autosalon in Turin nur das Chassis, ohne Karosserie. Dann passierte etwas Ungewöhnliches: Kunden wollten es unbedingt haben.

Ein Meisterwerk in vier Monaten

Nun brauchte man nur noch ein passendes Kleid für den kompromisslosen Strassenrennwagen. Auf der Turiner Messe sprach der Karosseriebauer Nuccio Bertone Lamborghini an: «Ich kann Ihnen den Schuh fertigen, der an Ihren Fuss passt.» Das soll er gesagt haben. Per Handschlag einigten sich die beiden auf eine Zusammenarbeit. Doch statt eines renommierten Designers beauftragte Bertone den 28-jährigen Rookie Marcello Gandini mit dem Job. Es war ein Match. In nur vier Monaten schusterte Gandini jene Karosserie, die Jeremy Clarkson als «das schönste Auto, das je gebaut wurde» bezeichnet hat. Marcello Gandini entwarf nicht einfach nur ein schnelles Auto, sondern ein gefährlich schönes. Aggressiv wie ein Raubtier und gleichzeitig sinnlich mit den berühmten «Wimpern» um die Scheinwerfer.

Als der Miura 1966 in Genf präsentiert wurde, war den Sportwagenherstellern klar, dass es ein Davor und Danach geben würde. Bis dahin dominierten Frontmotor-Sportwagen das Bild. Lange Hauben, klassische Proportionen. Der Miura drehte das Konzept um. Der Motor sitzt hinter den Sitzen, das Gewicht wandert in die Mitte, das Design ist tief wie ein Rennwagen. Et voilà: Der moderne Supersportwagen war geboren. Alles, was danach kam – Ferrari, McLaren, Bugatti –, steht auf diesem Fundament: Mittelmotor, radikales Design, Emotion über Vernunft.

Ein Auto für Mutige

So schön und revolutionär der Miura war – er hatte Macken. Viele. Vom Handling über die Verwindungssteifigkeit bis hin zur Überhitzung – sowohl Motor als auch Fahrer. Nach längerer Fahrt fühlte sich das Cockpit an wie ein Pizzaofen. Doch wer ein solches Auto fuhr, war zu cool, um sich davon beeindrucken zu lassen. Und dann die Geräusche: zwölf Zylinder, die einem ungefiltert in die Ohren brüllen. Das spart das Radio. Bis zu 280 km/h soll der Miura, der nach einem Kampfstier benannt wurde, gerannt sein. Dafür brauchte es allerdings Nerven wie Drahtseile. Bei hoher Geschwindigkeit wurde er nämlich leicht an der Vorderachse und konnte unruhig werden wie ein wilder Stier.

Genial und leichtsinnig zugleich

Der Miura war nicht perfekt. Im Gegenteil. Er war heiss, laut, unberechenbar. Der quer eingebaute V12 teilte sich anfangs das Öl mit dem Getriebe. Eine technische Lösung, die genial und leichtsinnig zugleich war. Wer zu hart fuhr, riskierte Metallspäne im Motor. Mit den Versionen P400 S und später SV entwickelte sich der Miura weiter. Mehr Leistung, breitere Spur, rund 385 PS in der finalen Ausbaustufe. Doch seine eigentliche Stärke lag nicht in der Performance, sondern in seiner Wirkung. Der Miura wurde zur Ikone der Popkultur. Und zum Must-have der Reichen und Schönen.

Auto der Stars 

«You buy a Ferrari when you want to be somebody. You buy a Lamborghini when you are somebody.» Das soll Frank Sinatra so gesagt haben. Er war nur einer von vielen Stars, die einen fuhren. Unter anderem auch Jay Kay, Nicolas Cage, Jay Leno, Johnny Hallyday, Rod Stewart, Eddie Van Halen, Dean Martin, Sammy Davis Jr., Elton John oder Miles Davis. Die Jazz-Legende fuhr seinen Miura, wie er Musik machte: kompromisslos. Und baute damit einen Unfall. 

Rechnet man alle Versionen zusammen, entstanden in sechs Jahren Bauzeit rund 760 Miura-Exemplare. Eigentlich nicht schlecht für einen Sportwagen. Und genug, um eine Ära zu definieren. 

Sein Nachfolger, der Countach, wurde noch extremer. Noch kantiger. Noch lauter. Aber der Miura bleibt der Erste. Der Urknall. Heute existieren noch rund 600 bis 650 Fahrzeuge. Ein erstaunlich hoher Anteil, der zeigt, wie früh der Miura als Sammlerstück erkannt wurde.

Bilder: Lamborghini

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