

Little America im Rheintal
Eigentlich ist Rüthi nicht gerade Daytona Beach. Und das Veratron-Industrieareal auch nicht gerade der Sunset Strip. Und trotzdem wurde der Swiss Deuce Day erneut zum Hotspot der US-Car-Kultur. Und wir mittendrin – in einem 1933er Ford Hot Rod mit unglaublicher Geschichte.
Wer braucht schon den Pacific Coast Highway oder die Route 66, wenn es den Swiss Deuce Day im Rheintal gibt. Bereits zum fünften Mal wurde Rüthi zum «The Strip», wenn die V8-Big- und Small-Blocks durch das Dörfchen bollern. Am Sonntag, dem 9. August, war es wieder so weit. Zum fünften Mal rollten Hot Rods aufs Veratron-Industrieareal zum Swiss Deuce Day. Aber was zum Teufel ist eigentlich ein Deuce?

Der König der Hot Rods

Wer jetzt an Tennis denkt, liegt falsch. In der Hot-Rod-Szene bezeichnet «Deuce» den Ford des Modelljahrs 1932, vor allem den Ford Model B und Model 18. Der 1932er Ford wurde zur Urzelle der amerikanischen Hot-Rod-Kultur: leicht, relativ günstig, einfach umzubauen – und als Model 18 erstmals mit Fords Flathead-V8 erhältlich. Der «’32 Ford» ist deshalb eine Art Heiliger Gral der Hot-Rod-Szene. Der Swiss Deuce Day nimmt diese Kultur als Ausgangspunkt, ist aber keineswegs ausschliesslich ein Treffen für 1932er Fords.

Unser Dienstwagen

Passender hätten wir kaum anreisen können! Wir durften den Swiss Deuce Day in einem 1933er Ford Hot Rod besuchen, der uns von Cartech für einen würdigen Auftritt zur Verfügung gestellt wurde. Ein Auto, dessen Geschichte fast so spektakulär ist wie sein Auftritt. Nach dem ersten Hot-Rod-Umbau in den 1940er- oder 1950er-Jahren kaufte 1967 ein gewisser Larry Ofria den Ford Pickup in Kalifornien. Ofria war kein gewöhnlicher Schrauber, sondern ein legendärer amerikanischer Motorenbauer und Besitzer von Valley Head Service. In den 1960er-Jahren bearbeitete und fertigte er Zylinderköpfe unter anderem für Carroll Shelby. Ofria nahm den Ford komplett auseinander, restaurierte und modifizierte ihn. Dabei entstand kein Showcar für den Parkplatz, sondern ein echter Hot Rod. Der Pickup hatte zwar immer eine Strassenzulassung, wurde von Ofria aber gleichzeitig bei Viertelmeilen-Rennen eingesetzt. Dann kam er in den Besitz eines kalifornischen Bürgermeisters, der damit auf Paraden fuhr. Cooler kann eine Autobiografie kaum sein.

Bevor der Pickup schliesslich in die Schweiz kam, besuchte er zahlreiche Treffen in den USA. Bei einem davon wurde er sogar von Jay Leno bestaunt. Seit zehn Jahren lebt der Ford nun in der Schweiz.
Die Alten nach vorne

Genau solche Fahrzeuge sind es, die Organisator Toni Stieger beim Swiss Deuce Day bewusst ins Rampenlicht rücken will. Denn bei vielen US-Car-Treffen stehen Fahrzeuge aus unterschiedlichsten Jahrzehnten wild durcheinander. Ein Hot Rod aus den 1930er-Jahren verschwindet so schnell zwischen riesigen Cadillacs, Muscle-Cars und jüngeren US-Klassikern. In Rüthi ist das anders.

Der Fokus liegt beim Swiss Deuce Day bewusst auf amerikanischen Fahrzeugen der 1920er- bis 1950er-Jahre. Die ältesten Autos bekommen die besten Plätze gleich beim Eingang. Sie bilden nicht das historische Beigemüse des Treffens, sondern stehen im Mittelpunkt.

Rund 250 Fahrzeuge kamen zur fünften Ausgabe nach Rüthi. Doch wichtiger als die Zahl ist die Mischung. Hot Rods, Pickups und amerikanische Klassiker erzählen hier von einer Zeit, in der Autofahren noch stark mit Aufbruch, Freiheit und Individualismus verbunden war.

Vielleicht erklärt genau das, weshalb diese Kultur bis heute überlebt hat. Ein Hot Rod ist kein Museumsstück. Er ist eine Leinwand auf vier Rädern. «Unser» 1933er Ford Pickup ist dafür das beste Beispiel. Er fuhr Viertelmeilen-Rennen in Kalifornien, Paraden mit einem Bürgermeister, wurde von Jay Leno bestaunt, überquerte den Atlantik und steht heute noch immer nicht still.








Bilder: Christian Lienhard (lienhardbildwerke.ch)


