Klassiker

Die Wiedergeburt von Bizzarrini - mit Fragezeichen

Bizzarrini war grossartig, etwas vom Besten der 60er Jahre. Jetzt erfolgt die Wiedergeburt von Bizzarrini – und man darf dieses Projekt mit einige Fragezeichen versehen.

Veröffentlicht am 19.03.2022

Giotto Bizzarrini, geboren 1926, war (und ist) der vielleicht «kompletteste» aller Auto-Ingenieure. Er konnte alles, Design, Fahrwerk, Motoren, er zeichnete, unter anderem, verantwortlich für den Ferrari 250 GT SWB und vor allem für den 250 GTO, er konstruierte der V12 für Lamborghini, er brachte Iso Rivolta auf die Welt. Bloss mit seiner eigenen Marke hatte er irgendwie kein Glück: Die ersten Bizzarrini kamen (noch als Iso Grifo A3/C) 1963 auf den Markt, im September 1968 war schon wieder fertig. Wahrscheinlich entstanden in diesen fünf Jahren knapp 150 Fahrzeuge - von denen heute noch mindestens 250 existieren.

Und jetzt kommen noch einmal 24 Stück dazu. Diese werden zwar schön brav als Bizzarrini 5300 GT Revival Corsa bezeichnet werden und auch über die entsprechenden Chassisnummern verfügen (hoffentlich…). Doch diese «Revival» werden weitere Unruhe in die schon sehr verworrene Bizzarrini-Geschichte bringen. Zumal sie auf Wunsch auch mit den nötigen FIA-Papieren bestellt werden können, die sie zum Start an historischen Rennen berechtigen werden.

Hinter «new Bizzarrini» steht die Pegasus Group. Dahinter steht nun wiederum Rezam Mohammad Alroumi, ein Kuwaiti, der zwischen 2007 und 2018 stark an Aston Martin Lagonda beteiligt war. Dort lernte er auch Ulrich Bez kennen, jetzt Chef von Bizzarrini, damals Chef von Aston - und davor mit einer langen Karriere bei Porsche, BMW und Daewoo. Christopher Sheppard, auch ein ex-Aston-Mann wirkt als CEO der neuen Firma, die ihre Zelte in einer neuen Fabrik in Nottinghamshire aufgeschlagen hat. Interessant dabei: Dort soll in Zukunft auch ein neues Hyper-Car entstehen.

Doch jetzt kommen zuerst einmal die Bizzarrini 5300 GT Revival Corsa. Schon im April sollen die ersten Fahrzeuge ausgeliefert werden. Preis: hoch. Als Vorbild dient der wohl berühmteste aller Bizzarrini, nennen wir ihn hier Iso Grifo A3/C #B-0222. Mit diesem Fahrzeug erreichten Regis Fraissinet und Jean de Mortemart 1965 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans den 9. Gesamtrang - und den Klassensieg. Später diente 0222 auch als Homologationsmodell für die Strassenzulassung, wurde deshalb zum Bizzarrini Grifo #IA3*0222. Das perfekt restaurierte Fahrzeug gehört heute dem Amerikaner Bruce Meyer und glänzt wieder im vollen Renntrimm von einst, also als #B-0222. Anekdote am Rand: Giotto Bizzarrini ist nach dem Rennen in Le Mans mit #B-0222 auf eigener Achse in seine Fabrik in Livorno zurückgefahren.

Anscheinend durfte «new Bizzarrini» 0222 scannen und als Vorbild entsprechend verarbeiten. Selber besitzt die neue Firma nur ein sehr eigentümliches Exemplar, den in einschlägigen Kreisen als bekannten Bizzarrini Corsa #IA3*028c. Man merkt schon an der Chassisnummer: Hier stimmt etwas definitiv nicht. Und so ist es dann auch: Der Wagen wurde erst 2006 von Salvatore Diomante, einem langjährigen Partner von Giotto Bizzarrini, von Null komplett neu aufgebaut. Mit einem Alu-Chassis. Was die originalen Bizzarrini nie hatten. Damals, in den 60er Jahren, arbeitete man mit Stahl, das höchste aller Gefühle waren Alu-Karosserien. Wobei, #B-0222 verfügte als einer der ganz wenigen Bizzarrini schon damals über einer Glasfaser-Aufbau von Catarsi, einem Schiffsbauer aus Vada.

In der Sammlung der neuen Firma finden sich auch noch zwei Bizzarrini P538. Mit diesem Mittelmotor-Gerät wollte Bizzarrini ab 1966 den Rennsport aufmischen - und es ist noch so eine schwierige Geschichte. Es gab zuerst einmal zwei Stück, einen ersten mit einem Lamborghini-V12, den der Schweizer Edgar Berney bei Testfahrten dermassen zerlegte, dass es ihn danach nicht mehr gab (also: den P538). Nummer 1 war einem amerikanischen Kunden versprochen gewesen, der erhielt dann Nummer 2 (ohne Lambo-Motor), fuhr ein einziges Rennen damit, stellte ihn dann weg. Aus den Rest von Nummer 1 entstand dann Nummer 3, der später zum Manta von ItalDesign wurde, die Nummer 4 rannte wie Nummer 3 in Le Mans und wurde später zum ersten Hyper Car überhaupt, bekannt als «Duca d’Aosta».

Das neue Unternehmen «Bizzarrini» besitzt keinen der dieser drei ersten vier P538, sondern nur spätere Nachbauten. Gut gemacht, wie auch #IA3-028c, aber halt: nicht «echt». (Ja, wir kennen einen dieser «neuen» P538 sehr gut, wir haben ihn zwei Wochen lang 12 Stunden am Tag angeschaut. Den Manta übrigens auch.) Wir wollen hier nicht lästern, aber irgendwie scheinen uns die Voraussetzungen nur so halbgut, wenn sich das neue Unternehmen «Bizzarrini» nicht einmal einen einzigen echten Bizzarrini leisten kann.

Text: Peter Ruch

Fotos: Bizzarrini.com/Archiv www.radical-mag.com

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