

Bullerbü mit Ecken und Kanten
Als Volvo im August 1966 den Volvo 144 vorstellte, staunte das Publikum Bauklötze. Vorbei war es mit den lieblichen Rundungen des Volvo Amazons – die neue Designsprache bekam Ecken und Kanten. Die scharf gezeichneten Linien hielten sich drei Jahrzehnte und wurden stilbildend für den Design-Charakter von Volvo.
“Das Funktionelle ist oft das Schöne. Funktionale und vernünftige Lösungen sind oft die attraktivsten”, pflegte Jan Wilsgaard zu sagen. Der legendäre Volvo Chefdesigner wagte mit dem Volvo 144 einen radikalen Stilbruch gegenüber seines ersten Meisterwerks, dem Volvo Amazon.

Während andere Hersteller noch Heckflossen oder Coca-Cola-Linien feierten, setzte Volvo auf schnörkellose Sachlichkeit. Drei-Fenster-Konzept, kräftige Schulterlinie, aufrechter Grill – das war kein Modegag, sondern Aerodynamik. So war der 144er trotz seiner Kastenform windschlüpfriger als manch ein vermeintlich dynamischer Konkurrent.

Sicherheit als Mission
Der Volvo 144 verfügte über definierte Knautschzonen, ein Zweikreis-Bremssystem mit Scheibenbremsen rundum und Sicherheitsgurte nicht nur vorne, sondern auch im Fond. Im Innenraum verschwanden scharfkantige Elemente, die Dachkonstruktion war überrollsteif. Babys, Kinder, Familien – Volvo machte Ernst mit dem Versprechen, die Welt ein bisschen sicherer zu machen. Nicht spektakulär, sondern konsequent.

Eine Familie für alle Fälle

Auf den 144 folgte 1967 der zweitürige 142, kurz darauf der 145 – ein Kombi mit fast senkrechter Heckklappe und über zwei Kubikmetern Ladevolumen. Der Laderaumboden war eben, das Konzept genial einfach. Ob Handwerker oder Wochenendausflügler – der 145 wurde zum Liebling der Vernünftigen. Und weil Schweden bekanntlich gern gross denkt, gab es zwischen 1969 und 1973 sogar den 145 Express mit Hochdach und bis zu sieben Sitzen. Raumgefühl wie im Einfamilienhaus, nur mit Kennzeichen.

Der 140 war kein Sportler, aber ein Dauerläufer. Mit anfangs 1,8-Liter-Motoren, später 2,0-Liter-Aggregaten, war er solide motorisiert. Nicht schnell, dafür unkaputtbar.

1974 war Schluss. Doch das kantige Design lebte weiter – im Nachfolger 240 und in vielen Volvo-Generationen danach. Der Volvo 140 hatte die DNA gelegt: Sicherheit, Funktion, Understatement. Mit 1,2 Millionen Exemplaren war er die bis dahin erfolgreichste Baureihe der Marke. Ein Auto, das nicht laut nach Aufmerksamkeit schrie, sondern sich Respekt erarbeitete. Ein Symbol schwedischer Lebensart – zwischen Bullerbü und Beton. Heute gilt der Volvo 140 als Ikone. Nicht weil er der Schnellste oder Schönste war. Sondern weil er zeitlos ist.
Bilder: Volvo


