Niels van Roij – Coachbuilding der alten Schule

Daytona Shooting Brake Hommage

Der Ferrari 365 GTB/4 Daytona Shooting Brake war vor 50 Jahren ein atemberaubendes Einzelstück nach einem Entwurf von Luigi «Coco» Chinetti und Gene Garfinkle. Nun gibt es eine Hommage an dieses Fahrzeug von Niels van Roij. Es handelt sich dabei um keine Kopie, sondern um Coachbuilding alter Schule.

Veröffentlicht am 04.09.2026

Ein Ferrari 599 GTB, mehr als 15’000 Arbeitsstunden und eine ziemlich verrückte Idee: Niels van Roij hat einen der eigenwilligsten Ferrari der Geschichte neu interpretiert. Der Ferrari 365 GTB/4 Daytona Shooting Brake war ein Einzelstück, das Ferrari nie gebaut hätte.

Die Geschichte begann Anfang der 1970er-Jahre in den USA. Bob Gittleman, Architekt und Immobilienentwickler aus Florida, besass einen Ferrari Daytona. Doch er wollte etwas, das kein anderer hatte. Also wandte sich Gittleman an Luigi «Coco» Chinetti Jr., den Sohn des legendären Ferrari-Importeurs Luigi Chinetti. Chinetti Junior hatte ein Faible für ungewöhnliche Karrosserieformen und bereits zuvor mit einem umgebauten Ferrari 330 GT 2+2 experimentiert. Gemeinsam mit dem Designer Gene Garfinkle machte er sich daran, aus einem der schönsten Sportwagen seiner Zeit etwas zu machen, das eigentlich gar nicht in die Ferrari-Welt passte: einen Kombi.

Vier Daytona für einen

Die Briten von Panther Westwinds liessen vom ursprünglichen Daytona nicht besonders viel übrig. Aus dem italienischen Sportwagen wurde ein schwarzer Shooting Brake mit langem Dach, kantigem Kammheck und zwei grossen seitlichen Glasscheiben, die wie Flügeltüren nach oben öffneten und den Zugang zum Gepäckabteil ermöglichten. Einen klassischen Heckdeckel gab es nicht. Fertiggestellt wurde das Einzelstück im Winter 1975/76. Der Aufwand war gewaltig. Angeblich kostete der Shooting Brake ungefähr so viel wie vier neue Daytona.

50 Jahre später

Genau dieses Auto hat Niels van Roij nicht mehr losgelassen. Der niederländische Designer studierte zunächst an der Design Academy Eindhoven und anschliessend Vehicle Design am renommierten Royal College of Art in London. Danach gründete er sein eigenes Designstudio und konzentrierte sich auf eine automobile Disziplin, die beinahe ausgestorben schien: Coachbuilding.

Van Roij baut Einzelstücke auf bestehenden Fahrzeugen und verändert dafür teilweise die komplette Karrosserie. Zu seinen bisherigen Projekten gehören etwa der Breadvan Hommage sowie mehrere Shooting Brakes auf Basis von Rolls-Royce-Modellen. Van Roij nennt seine Arbeit deshalb automobile Haute Couture.

Ferrari 599 als Basis

Die Arbeiten begannen bereits 2019, öffentlich angekündigt wurde das Projekt 2021. Als Basis dient ein Ferrari 599 GTB Fiorano. Mehr als 15’000 Stunden flossen laut Niels van Roij Design in Entwicklung und Bau. Bis auf die Türen wurde jedes äussere Karrosserieteil verändert. Die neue Hülle besteht aus Aluminium.

Besonders spektakulär ist die Seitenansicht. Das Dach läuft weit nach hinten und endet in einem steilen, fast abgeschnitten wirkenden Heck. Statt einer gewöhnlichen Kombiklappe gibt es, wie beim historischen Vorbild, seitliche Glasscheiben, über die sich der Gepäckraum erreichen lässt.

Hinten sitzen die Leuchten hinter gehärtetem Glas und greifen die trapezförmige Architektur des Originals auf. Darunter lauern vier mächtige Endrohre im Karbon-Diffusor. Paarweise angeordnet und leicht nach oben gerichtet erinnern sie an die Läufe einer doppelläufigen Flinte. Shooting Brake eben.

Holz wird zu Karbon

Noch deutlicher wird die Verbindung der beiden Autos im Innenraum. Beim Original wanderte die Instrumentierung in die Mitte des Armaturenbretts. Genau dort sitzt sie beim Hommage ebenfalls. Wo 1975 Walnussholz den Luxus der Zeit symbolisierte, verwendet Van Roij heute Karbon. Cognacfarbenes Leder zieht sich über Sitze, Armaturenbrett, Türen und Dachhimmel. Darunter stecken teilweise von Hand geformte Aluminiumstrukturen.

Van Roij wollte den Daytona Shooting Brake von 1975 ausdrücklich nicht kopieren. Ihn faszinierte vielmehr die Freiheit, mit der Chinetti, Garfinkle und Panther Westwinds damals vorgingen. Proportionen, Materialien und einzelne Ideen des Originals tauchen deshalb wieder auf, ohne dass der neue Wagen wie eine Retro-Kopie aussieht.

Bilder: nielsvanroij.com

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