Klassiker
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Fiat 8V Supersonic - der Ausserirdische

Der Fiat 8V war ein technisches Meisterwerk. Und mit dem «Supersonic»-Aufbau von Ghia wird er auch noch zum Kunstwerk.

Veröffentlicht am 17.07.2022

Dante Giacosa, einer der grössten unter den vielen grossen italienischen Ingenieuren, hatte seine Karriere mit Lastwagen begonnen, dann Flugzeug-Motoren konstruiert, war nach dem 2. Weltkrieg massgeblich am Cisitalia-Rennwagen beteiligt – und verbrachte 1947 einige Monate in Detroit. Dort war er auf der Suche nach neuen Ideen für eine grössere Limousine, die sein neuer Arbeitgeber Fiat zu bauen gedachte. Er schlug vor, dem Projekt 101 einen 2-Liter-Vierzylinder zu spendieren, doch daraus wurde nichts, der «grosse» Fiat wurde 1952 als Fiat 1400 mit einem 1,4-Liter-Motörchen vorgestellt. Aber: der damalige Verantwortliche für die Fiat-Personenwagen, Luigi Gajal, wollte doch noch eine stärkere Variante. Weil ein klassischer V6 nicht in Frage kam und es für einen klassischen 90-Grad-V8 keinen Platz hatte im Motorraum, begann Giacosa mit der Entwicklung eines Achtzylinders im 72-Grad-Winkel. Das Projekt trug den Namen 104.

Viel Neuland

Es war dies eine sehr spezielle Maschine: die überquadratischen Abmessungen betrugen 72 mm für die Bohrung und 61,3 mm für den Hub, es wurde eine Drehzahl von 6000 U/min erreicht, die Leistung wurde mit 110 PS abgegeben. Die nassen Zylinderlaufbüchsen bestanden aus Grauguss, der Zylinderinhalt betrug 1996 ccm und das Verdichtungsverhältnis lag mit 8,5:1 deutlich über der damaligen Norm. Die kurze und steife Kurbelwelle war dreifach gelagert, verfügte erstaunlicherweise nicht über Schwingungsdämpfer; die Pleuel der gegenüberliegenden Zylinderpaare lagerten nicht, wie sonst bei V-Motoren üblich, auf einem gemeinsamen Kurbelzapfen, sondern waren um 10° im gegenläufigen Sinn versetzt. Die je zwei hängenden Ventile pro Zylinder wurden durch eine in der Motormitte angeordnete und mittels Kette an der Stirnseite angetriebene Nockenwelle über Stossstangen und Kipphebel betätigt. Die Gemischaufbereitung übernahmen zwei Doppel-Fallstromvergaser Weber 36DC F3. Die trockene Einscheibenkupplung und das Vierganggetriebe waren am Motor angeflanscht.

Auch beim Fahrwerk beschritten die Techniker von Fiat (mit Hilfe von Siata) teilweise Neuland. Alle vier Räder waren einzeln mit Schraubenfedern und Dreieckslenkern aufgehängt. Während unabhängige Vorderrad-Aufhängungen 1952 fast überall Eingang gefunden hatten, besassen die meisten Wagen hinten sonst noch brave Starrachsen. Der Fiat 8V besass zudem vorne und hinten hydraulische Stossdämpfer und Stabis. Der Radstand betrug 240 cm, die Spur vorne und hinten 129 cm. Die Gesamtlänge lag beim Werks-Coupé bei 406 cm, die Wagenbreite 150 cm und das Leergewicht 930 kg. Das ermöglichte feine Fahrleistungen, die Standard-Version erreichte schon 180 km/h, beschleunigte in 10,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h; in der Rennversion mit 127 PS bei 6600/min waren dann über 200 km/h möglich.

Der zerstörte Alfa Romeo

Insgesamt wurden nur gerade 114 Fiat Otto-Vu gebaut, erstmals gezeigt wurde das Fahrzeug auf dem Genfer Salon 1952. Die meisten 8V erhielten eine Werkskarosserie, ein anfangs etwas biederes Coupé von Fabio Lucio Rapi, das aber über die verschiedenen Serien immer hübscher wurde. Doch die berühmtesten «Otto Vu» sind sicher die «Supersonic», einer Karosserie von Ghia, die Giovanni Savonuzzi gezeichnet hatte - und die beinahe eine Fussnote der Geschichte geblieben wäre. Das kam so: Der Schweizer Gentleman-Fahrer Robert Fehlmann brauchte für die Mille Miglia 1953 ein renntaugliches Gerät. Er wandte sich an Virgilio Conrero, der unter leistungshungrigen Alfa-Romeo-Piloten einen ausgezeichneten Namen hatte, liess sich von ihm einen feinen 1900er aufbauen.

Für das Design wandte sich Conrero an seinen Freund Giovanni Savonuzzi. Zwar war Savonuzzi, der am Politecnico in Turin studiert und sich in Aeronautik fortgebildet hatte, gerade zum Design-Chef von Ghia ernannt worden, doch er setzte sich trotzdem ans Zeichenbrett und entwarf eine Form, die stark von der Luftfahrt inspiriert war. Das war sicher auch der Grund, weshalb er seinem Entwurf den Namen «Supersonic» gab. Savonuzzi, der zusammen mit Scaglione und Spada zu den am meisten unterschätzten italienischen Designern gehört, hatte schon bei früheren Entwürfen, etwa für Cisitalia, mit einer ausgefeilteren Aerodynamik experimentiert, doch der Fehlmann-Alfa war wirklich einmalig, ein ganz neues Design-Kapitel. Erstmals gezeigt wurde das Fahrzeug 1953 auf dem Turiner Salon – und dann zerstörte Fehlmann das Fahrzeug mit der Startnummer 453 bei der Mille Miglia. Komplett.

Prominente Vorbesitzer

Doch Savonuzzi wusste, dass er Grosses geschaffen hatte. Und er brachte seinen Entwurf zu Ghia, wo man gerade wieder einmal händeringend nach Kunden suchte. Der Fiat 8V bot sich an, er verkaufte sich nicht besonders gut - und so wurde in Paris im Herbst 1953 erstmals ein «Supersonic» auf Basis des Otto Vu gezeigt (Chassisnummer 106 000035, erster Besitzer: Designer Paul Farago). Das Fahrzeug, das wir hier zeigen, Chassisnummer 106 000049, war der 10. von 14 (oder vielleicht auch 15) gebauten Fiat 8V Supersonic, wurde 1954 auf dem Genfer Salon ausgestellt - und vom Stand weg vom damaligen Chrysler-Chef K.T. Keller gekauft. Nächster Besitzer war Lou «The Speed King» Fageol, ein mehrfacher Powerboat-Meister, Besitzer eines Renn-Teams und Konstrukteur von zweimotorigen Rennwagen, der dem Wagen später ein Continental-Rad-Kit und Heckflossen verpasste. Irgendwie gelangte der Fiat in die Hände eines Herrn Farber, der den Otto Vu 36 Jahre lang besass - und ihn in dieser Zeit wieder in den Originalzustand versetzte. Zuletzt wurde 0049 im Jahr 2017 für 1'375'000 Millionen Dollar versteigert - jetzt kommt das Fahrzeug leider schon wieder, wieder bei RM Sotheby's, unter den Hammer.

Text: pru, Photos: RM Sotheby's

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