Aston Martin Lagonda Series 2

«Grossartig und völlig verrückt»

Gibt es eine Limousine, die spektakulärer ist als der Aston Martin Lagonda Series 2? Kaum. So atemberaubend das Design, so heikel war die Technik. Vor allem die Elektronik machte dem visionären Briten das Leben schwer – weil sie ihrer Zeit weit voraus war.

Veröffentlicht am 08.06.2026

War der Lagonda Series 2 Grössenwahn oder ein Blick in die Zukunft? Designer William Towns wollte Mitte der 1970er-Jahre gemeinsam mit den Ingenieuren von Aston Martin nichts weniger als das Auto von morgen bauen. Schon die Proportionen sprengten jede Konvention: rund 5,3 Meter Länge bei nur etwa 1,3 Meter Höhe.

Die extreme, messerscharfe Keilform erinnert eher an ein Raumschiff als an eine Limousine. Der Vorderwagen fällt steil ab, das Heck ebenso. Sieht spektakulär aus – hatte aber handfeste Nachteile. Bei den ersten Fahrzeugen liessen sich weder die vorderen noch die hinteren Fenster öffnen. Erst später wurde der Zuschnitt der Türen geändert, sodass wenigstens die vorderen Scheiben abgesenkt werden konnten.

Science-Fiction-Cockpit

Innen wurde es endgültig futuristisch. Nicht die üppige Lederlandschaft oder die elektrisch verstellbaren Sitze sorgten für Staunen, sondern das Cockpit. Der Lagonda Series 2 verfügte über eines der ersten vollständig digitalen Instrumentenpanels eines Serienautos.

Anzeigen auf Leuchtdioden- und später Röhrenbasis, dazu berührungssensitive Felder für Heizung, Lüftung, Check-Control und Systemdiagnose mit codierten Fehlermeldungen. Solche Spielereien waren Mitte der 1970er-Jahre selbst in Verkehrsflugzeugen exotisch – geschweige denn in einem PW.

In der Theorie war der Lagonda das perfekte Zukunftsauto. In der Praxis holte ihn die Realität brutal ein. Bei der Präsentation vor der Weltpresse 1976 sprang der Prototyp nicht an – Ursache war die unausgereifte Elektronik. Aus diesem Grund wurden die ersten Pressefahrzeuge vorsichtshalber noch mit analogen Instrumenten ausgestattet. Die Serienproduktion konnte nicht wie geplant im Mai 1977 starten. Erst neue Software aus den USA brachte Fortschritte, doch selbst danach dauerte es weitere Monate, bis man die gröbsten Probleme im Griff zu haben glaubte. Ein Fehlstart mit Ansage.

Zu früh für die Welt

Die Technik war visionär – aber meilenweit von zuverlässig entfernt. Flackernde Anzeigen, Totalausfälle und kryptische Fehlermeldungen gehörten zum Alltag. Viele Besitzer kannten ihren Aston-Martin-Elektriker besser als ihre Nachbarn. Selbst die Spezialisten hatten Mühe, die Fehlercodes zu interpretieren, nur um festzustellen, dass oft schon die Diagnose-Elektronik selbst falsche Werte lieferte. Schuld war weniger die Idee als der Stand der damaligen Halbleitertechnik: hitzeempfindliche Bauteile, mangelhafte Lötstellen und fehlende Langzeiterfahrung.

Unter der futuristischen Hülle steckte hingegen bewährte Technik. Ein 5,3-Liter-V8 lieferte rund 280 PS an die Hinterachse. Gekoppelt war er an eine Dreigangautomatik von Chrysler, die der fast zwei Tonnen schweren Limousine eher Gelassenheit als Sportlichkeit verlieh. Zum Vergleich: Ein Rolls-Royce Silver Shadow war ähnlich schwer, verfügte aber über mehr Hubraum. Preislich spielte der Lagonda trotzdem in einer eigenen Liga: Rund 50.000 Pfund kostete er 1977 – etwa doppelt so viel wie der Rolls. Und selbst dieser Preis reichte nicht: Die Entwicklung verschlang über 1,2 Millionen Pfund, budgetiert waren ursprünglich gerade einmal 72.000.

Rettung aus der Wüste

In Grossbritannien reagierte das konservative Publikum reserviert. Wer Luxus wollte, kaufte weiter Rolls-Royce oder Bentley. Aston Martin suchte eine neue Kundschaft – und fand sie im Nahen Osten. Zu den prominentesten Käufern gehörte Zayed bin Sultan Al Nahyan, der gleich mehrere Lagonda Series 2 erwarb. Auch Qaboos bin Said und weitere arabische Monarchen liessen sich vom automobilen Zukunftsversprechen verführen. In den 1980er-Jahren hielt der Lagonda Aston Martin finanziell über Wasser.

Mit analogem Cockpit wäre der Lagonda in Europa womöglich erfolgreicher gewesen. Doch der Ruf der Elektronik war ruiniert. Trotzdem liess sich Aston Martin nicht beirren und entwickelte den Lagonda mit Series 3 und Series 4 weiter – technisch verbessert, aber der Imageschaden der Series 2 konnte nicht mehr behoben werden.

Vermächtnis

Zwischen 1976 und 1985 entstanden insgesamt nur rund 600 Exemplare des Lagonda Series 2. Schätzungen zufolge existieren heute noch knapp 500 Fahrzeuge – viele gut erhalten, aber nicht immer zuverlässig fahrbereit.

«Magnificent and completely mad», urteilte Kult-Moderator Jeremy Clarkson über den Lagonda. Grossartig und völlig verrückt – genau das war die Absicht von William Towns. Seine Visionen fanden erst Jahrzehnte später Eingang in die Serienproduktion moderner Fahrzeuge. Oder anders gesagt: Der Lagonda war nicht unreif. Er war einfach zu früh da.

Text: Jürg Zentner

Bilder: Christian Lienhard (lienhardbildwerke.ch)

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