Klassiker: Chrysler Royal Cabriolet Tüscher 1937

Ihre Majestät bietet königliches Fahrvergnügen

Bereits 2017 wurde der Zürcher Carrossier Tüscher 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass präsentieren wir den Chrysler Royal Cabriolet Tüscher: Ein fast unrestauriertes Stück Schweizer Automobilkultur.

Veröffentlicht am 22.01.2020

Die Geschichte fing 1917 an der Hardturmstrasse in Zürich an. Adolf und Fritz Tüscher gründeten die Gebrüder Tüscher & Co. mit den Abeilungen Spenglerei, Wagnerei, Sattlerei, Malerei und Hammerschmiede. Zusammen mit 40 Mitarbeitern reparierten und bauten sie Karosserien für Busse, Personen- und Lastwagen sowie Spezialfahrzeuge. Aufgrund der vom Bundesrat 1932 verfügten Importzollsenkung wandte man sich einem neuen Geschäftsfeld zu, dem Bau von eleganten Cabriolets auf Basis bekannter Marken wie Alfa Romeo, Bugatti, Delahaye oder SS Jaguar.

Bis 1939 verliessen über 210 Fahrzeuge die Produktionshalle. Die Nähe zur AMAG führte dazu, dass eine grosse Zahl davon Plymouth und Chrysler waren. Ein solches Auto posiert vor dem Kloster Frauenthal zum Fotoshooting. Es ist der Chrysler Royal in viertüriger Tüscher-Cabriolet-Ausführung von Klaus Galliker.

Seit 36 Jahren in der Familie

Der Lebensmittel-Detailist besass in seiner Autofahrer-Karriere einige Lancia und suchte wieder ein Modell dieser Marke, am besten offen. Aber dann viel sein Auge auf den viertürigen Chrysler, der 1981 bei der Milchbuck-Garage in Zürich zum Verkauf stand.

Der Wagen gefiel Galliker und seiner Frau auf Anhieb wegen seiner zurückhaltenden Eleganz und der idealen Grösse. Der Chrysler ist trotz imposanter Nase nicht protzig, und im Fond können sich die Kinder, heute die Enkel, breit machen.

Bekannt ist, dass der Chrysler vom Typ Royal 6 der Baureihe C-16, von der 1937 stolze 86000 Stück produziert wurden, als karosserieloses Chassis, nur mit der damals sehr modernen «Forward-Design»-Front und vorderen Kotflügeln, zu Tüscher geliefert wurde.

Der gesamte Rest, angefangen bei der neu gestalteten Frontscheibe, der patentierten B-Säule mit gegenläufig öffnenden Türen bis hin zum sanft abfallenden Heck ist alles Tüscher-Eigengewächs. Zwar gab es von Chrysler auch ab Werk Cabriolets, aber die besassen konventionell angeschlagene Türen und ein kantiges  Heck, welches das Verdeck aufnehmen konnte. Bei Tüscher kommt es wegen der Heckform auf die Karosserie zu liegen.

Nachforschungen beim Swiss Car Register brachten keinen Erfolg. Es scheint von genau diesem Auto keine Fotos oder andere zeitgenössische Dokumente zu geben. Sicher ist, dass der Wagen während dem Krieg vom Militär genutzt wurde. Darauf deutet eine unter  der Motorhaube auflackierte Armee-Nummer hin. Ebenfalls klar ist, dass das Fahrzeug  1961 zurück zu Tüscher ging und dort eingelagert war.

In dieser Zeit wurde das aufwendig mit Rosshaar gefütterte Segeltuch-Verdeck revidiert und vermutlich auch die Karosserie neu lackiert. Auf den Türverkleidungen finden sich Rückstände von Etiketten mit Aufschriften wie «vorne rechts Türe». Das deutet auf eine Zerlegung hin. Restauriert wurde das Interieur jedoch nie. Die abgegriffenen Bedienelemente und das abgewetzte Leder erzählen von einem intensiven Autoleben. Aber die archäologischen Forschungen dauern an und werden hoffentlich bald mehr über die Historie des Chrysler zu Tage fördern.

Fahren bedeutet Arbeit

Das Fahren im Royal ist – wie der Name schon sagt – ein königliches Vergnügen, das man sich aber zuerst erarbeiten muss. Das Aufschlagen des Verdecks geht nur zu zweit. Mit gezielten Handgriffen müssen das Segeltuch sauber gefaltet und die Bügel umgelegt werden. Zum Schluss wird noch die Persenning übergestülpt.

Die Kupplung geht recht leicht: Den ersten der drei Gänge einlegen und los gehts. Der Reihensechszylinder schnurrt leise und treibt die Hinterräder mit 90 Pferdchen an, welche mit den 1,6 Tonnen nicht allzuviel Mühe bekunden.

Die hydraulischen Trommelbremsen verzögern sehr passabel. Nur die Lenkung ist beim Manövrieren schwergängig. Bei höheren Geschwindigkeiten geht es leichter, aber dann wird sie unpräzise und indirekt. Die hoch aufragende Nase pflügt durch den Wind, der sich – nicht durch ein Windschott behindert – auf allen Plätzen austobt. Klaus Galliker trägt seine Sturmhaube aus gutem Grund …

Der regelmässig gewartete Oldtimer steht selten in der Garage und wird oft für Ausfahrten und Rallyes genutzt, auch den Raid Basel-Paris hat er schon absolviert. Und damit niemand auf falsche Ideen kommt: Der Royal ist ein Familienmitglied – und deshalb unverkäuflich.

Text: Stefan Fritschi / Fotos: Vesa Eskola

Chrysler Royal 6 C-16 Cabriolet Tüscher (1937)

Motor: R6-Benziner
Hubraum: 3736 cm3
Leistung: 66 kW/90 PS
Drehmoment: 228 Nm bei 1200/min
Getriebe: 3-Gang manuell, Hinterrad
Verbrauch: ca. 15 l/100 km
Beschleunigung: k. A.
Höchstgeschwindigkeit: 140 km/h
L/B/H: 5000/1850/1620 mm
Leergewicht: 1600 kg

Preis (1937): nicht bekannt
Wert (2020): ca. 70 000 Franken.

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