Analyse von Stadt und Kanton Zürich

Tempo 30: keine neuen Erkenntnisse (mit Kommentar)

Tempo-30-Zonen schiessen überall wie Pilze aus dem Boden mit der Begründung, sie würden die Verkehrssicherheit erhöhen und den Lärm mindern. Stadt und Kanton Zürich haben eine neue Analyse veröffentlicht, der ACS hat sie untersucht. Die Erkenntnis: es gibt keine neuen Erkenntnisse, denn die 30er-Zonen sind nur dann erfolgreich, wenn sie umfahren werden – und das führt zwar zu örtlicher Entlastung, aber woanders zu neuen Problemen. Dazu ganz unten unser Kommentar.

Veröffentlicht am 03.07.2020

Hie die Stellungnahme des ACS (Automobil Club der Schweiz):

"Die gemeinsame Wirkungsanalyse von Stadt und Kanton Zürich bringen keine wesentlich neuen Erkenntnisse. Die Aussagen betreffend Ausweichverkehr sind aus Sicht des ACS mit grösster Vorsicht zu betrachten. Die Signalisation der Tempo-30-Zonen erachten wir zudem als mangelhaft. Dies führt dazu, dass Autofahrende rasch und unnötig kriminalisiert werden.

Die Wirkungsanalyse zu Tempo 30 auf neun verschiedenen Strassenabschnitten in der Stadt Zürich kommt zum Schluss, dass in den meisten Fällen die Signalisationen und Markierungen genügen, um die Geschwindigkeiten ausreichend zu senken. Ebenso nimmt der Lärm in den meisten Fällen wahrnehmbar ab, wie die städtische und kantonale Analyse zum Schluss kommt.

Die ACS Sektion Zürich begrüsst das Vorgehen von Stadt und Kanton Zürich, gemeinsam eine Wirkungskontrolle durchzuführen, die vermehrt Klarheit schaffen sollte, welche Auswirkungen das Temporegime auf Lärm, Verkehrsfluss, Ausweichverkehr und die Reisezeit des motorisierten Individualverkehrs hat. Für die ACS Sektion Zürich bringt die nun vorliegende Wirkungskontrolle jedoch keine wirklich neuen Erkenntnisse. Zwar entspricht die gemessene Lärmreduktion grossmehrheitlich den im Vorfeld gemachten Berechnungen, hingegen lässt das Temporegime mit den bestehenden Markierungen noch zu wünschen übrig. Dies insbesondere an der Rämi- und der Steinstrasse.

Die Resultate zum Ausweichverkehr sind aufgrund der gewählten Tempo-30 Strecken für den ACS Zürich zudem mit grossen Zweifeln behaftet. Damit über den Ausweichverkehr schlüssige Aussagen gemacht werden könnten, müssten sich die Verkehrsteilenehmer zuerst einmal an die neue Verkehrsführung gewöhnen. Das Verkehrssystem braucht Zeit, um sich neu auszurichten. Weil das deutlich mehr als sechs Monate dauert, sind die Messungen für den Ausweichverkehr für den ACS Zürich nicht sehr aussagekräftig.

Es gilt festzuhalten, dass die Wirkungskontrolle nicht wirklich neue Erkenntnisse gebracht hat. Der Flickenteppich von Tempo 30 Zonen in Zürich bleibt weiterhin bestehen und bringt für den motorisierten Individualverkehr weiterhin grosse Verunsicherung. Das Temporegime im Stadtzürcher Strassenverkehr wechselt dauernd und es ist für den Verkehrsteilnehmer schwierig festzustellen, welches Tempo gerade gilt. Diese Unsicherheit betreffend Temporegime führt schnell dazu, dass aufgrund von Geschwindigkeitskontrollen im Tempo-30- Bereich Autofahrer rasch und unnötig kriminalisiert werden."

Kommentar

Auch als Liebhaber der automobilen Fortbewegung und leidenschaftlicher Autofahrer darf man die negativen Auswirkungen des Verkehrs nicht einfach ins Reich der Märchen und Fabeln verdammen. Allerdings darf man ebenfalls nicht naiv sein, welche politischen Absichten hinter Einschränkungen des Individualverkehrs oft stecken. Insbesondere das linke Politikspektrum weidet die Nachteile des Individualverkehrs für seine Anliegen gerne aus.

Letztlich sind die Starssen Verkehrsadern, deren Hemmung und Verstopfung durch Fahrverbote, Sperrungen, Einbahnregime, Schwellen oder Temporeduktion dem Gesamtorganismus schaden – vergleichbar mit dem menschlichen Körper.

30er-Zonen sind nicht überall sinnlos und kontraproduktiv, auch verkehrsfreie Zonen in den Innenstädten können die Lebensqualität aller – auch der Autofahrer – steigern. Sie aber unreflektiert als Allerheilmittel für die Verkehrsprobleme zu sehen, ist kurzsichtig.

Insbesondere, wenn es wenige Tempo-30-Zonen gibt, sind sie tatsächlich erfolgreich. Es gibt wirklich weniger Verkehr – weil die Zone gemieden und eine andere Strecke gewählt wird. Eine solche Massnahme als Erfolg zu verbuchen, ist somit sehr kurzsichtig, denn je mehr Zonen mit ihrem Stop-and-Go, Bremsen, Beschleunigen, Schleichen, Warten den Verkehr behindern, desto mehr löst sich ihre positive Wirkung in Luft auf. Desto mehr verschieben sich die Probleme woanders hin.

Und noch etwas wird vergessen: Der Verkehr ist nicht Ursache sondern Ergebnis unserer Arbeitsplatz-, Wohn-, Bevölkerungs- und Wirtschaftspolitik: Mehr Menschen = mehr Verkehr. Wer glaubt, die Probleme mit Tempo 30 zu lösen, wird bald scheitern.

Stefan Fritschi,
Redaktor auto-illustrierte

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