SS Cars Ltd. S.S. 90

Captain Black

Autos mögen «historisch» sein, weil sie alt sind. Doch es gibt historische Autos, die sind auch von historischer Bedeutung. Vielleicht stellen wir uns darunter eine Art Monument vor, ein unantastbares Objekt, das auf einen Marmorsockel oder hinter Panzerglas ausgestellt ist – begleitet von Ehrfurcht-gebietender Stille. John Black, oder präziser sein ehemaliges Auto und zwei seiner Besitzer, haben uns eines (weit) Besseren belehrt.

Veröffentlicht am 04.07.2020

Architekten wohnen, so der Eindruck des Schreibenden, oft verblüffend pragmatisch, mit wenig  vordergründiger Repräsentation, dafür an einem Ort, der einen sofort willkommen heisst. Wir sitzen bei Philipp Husistein und seiner Frau Maja auf der Veranda und geniessen einen Kaffee. In der Nähe tickt das abkühlende Metall des S.S. 90. Eben noch setzte der schwarze Wagen über die Juraflanke und rauschte über kleine Nebenstrassen. Erstaunlich, wie kultiviert sich dabei dieser 85-jährige Sportwagen gebärdete. Der 2663 cm³ grosse Reihensechszylinder läuft seidenweich und bleibt akustisch sehr geschmeidig. Kein Röcheln, Röhren oder gar Knallen wie bei modernen Vertretern mit der Raubkatze im Logo. Erstaunlich ist der Fahrkomfort des Urgesteins. Das «Shake Rattle and Roll» britischer Roadster liegt dem S.S. 90 fern. Zwar steht der auf einem gekürzten Chassis aufbauende Wagen auf Starrachsen. Rubbery Owen hat es für Standard gebaut und nach Vorgaben von SS  Cars modifiziert – die Schweissnähte sind noch sichtbar. Doch die gnadenlose Härte späterer Briten-Roadster fehlt. Wesentliche Jaguar-Gene sind schon erkennbar.

Nomen es Omen

Unser S.S. 90 ist nicht einfach ein besonders alter Jaguar. Streng genommen ist es noch nicht einmal einer. Seinen Namen lässt sich der Besitzer von SS Cars Limited (SS), William Lyons, erst danach sichern – als Zusatzbezeichnung der Nachfolgemodelle. Sie werden im Herbst 1935 mit einem neuen Motor lanciert. Unser S.S. 90 hat noch die Vorgängermaschine: einen modifizierten, seitengesteuerten Standard-Motor, der mit einer Zweivergaseranlage auf mehr Leistung gebracht wurde. Die Standard Motor Company liefert seit 1929 komplette Chassis, worauf William Lyons Firma Swallow Sidecar & Coachbuilding Company gefällige Karosserien fertigt. Dies, nachdem sich das 1922 gegründete Unternehmen mit Seitenwagen einen Namen macht und wenig später mit wesentlich gediegeneren Blechkleidern für den Austin 7 für Aufsehen sorgt. Erster Abnehmer im Ausland ist übrigens ein gewisser Emil Frey, der im Herbst 1926 von London mit einem von Lyons unterschriebenen Vertrag nach Zürich zurückkehrt, der Anfang einer bis heute andauernden Partnerschaft.

Ein «Standard Special»?

1931 lanciert Lyons den Namen SS, in Verbindung mit zwei bildschönen Autos – dem SS1 und dem kleineren SS2. Gemäss eigenen Angaben steht das Kürzel für «Standard Swallow». Doch laut dem Direktor der Standard Motor Company, John Black, steht es für «Standard Special». Black zeigt eine
gewisse Bewunderung für den stets mit einem guten Riecher für Trends und Marktbewegungen ausgestatteten Lyons. Und dieser weiss sich als Kleiner gegenüber den Grossen im Automobilgeschäft mit Cleverness zu behaupten. 1934 erlangt SS die Mitgliedschaft des britischen Automobilherstellerverbands.

Im Januar 1935 bringt Lyons sein Unternehmen als SS Cars Limited an die Börse und sucht mehr technische Eigenständigkeit. Er heuert William Heynes und Harry Weslake an, die das Chassis und den Motor konstruieren sollen, welche die schnittigen, doch mit behäbiger Standardtechnik ausgestatteten SS verdient haben. Ein Sportwagen würde diese neue Dynamik treffend unterstreichen. John Black, mit Standard einem eher konservativen Käuferkreis zugetan, kann das nur recht sein: Er würde am allfälligen Erfolg ohne Risiko partizipieren.

Wichtiger Partner und erster Kunde

Der schwarze S.S. 90 mit der Chassisnummer #249478 und Kennzeichen AVC 318 ist der dritte von nur 23 gebauten S.S. 90. Der 90 ist ein Zwischenmodell und gleichzeitig ein Imageträger. Lyons weiss, dass er mit Sportwagen zwar kein grosses Geschäft machen würde, jedoch mehr Aufmerksamkeit erregen kann, wozu sportliche Erfolge hilfreich sind. Den S.S. 90-Prototypen schickt er direkt an die RAC-Rallye, allerdings noch mit wenig Erfolg. Ein dritter Rang im Hillclimb von Shelsley Walsh aber ist der gesuchten Beachtung unzweifelhaft zuträglich.

Am 1. Juni, eine Woche vor seinen zwei älteren Brüdern, wird unser Auto an John Black übergeben. Der Begriff «verkauft» greift nämlich etwas weit. Vermutlich handelt es sich um ein Gegengeschäft. Black behält AVC 318 denn auch nur gerade drei Wochen. A. G. Douglas Clease, bekannter britischer Motorjournalist, trägt sich als nächster Besitzer des quasi noch neuen Wagens in das Logbuch ein.

Die weitere Geschichte führt den S.S. 90 gleich zweimal in die USA – und wieder zurück. Dabei wechselt
«Jaguars erster Produktions-Sportwagen» nicht nur die Farbe. Wie so oft, selbst bei Autos wie diesen, durchlebt das rare Stück in den 1950er- und 1960er-Jahren raue Zeiten. Damit einher  geht eine Motorrevision, die in einem kapitalen Motorschaden endet.

Als Ex-Auto von «Captain Black» wird der S.S. 90 spätestens dann bekannt, als er 1991 in die hoch angesehene Jaguar-Sammlung des Amerikaners Walter Hill gelangt. Doch 2005 will Hill sich wieder von ihm trennen. Jaguar, noch in Ford-Besitz, ist nicht in der Lage, sich dieses bedeutende Konvolut historischer Fahrzeuge zu sichern. Im August 2006 steht der Wagen in der Quail Lodge von Pebble Beach zum Verkauf – begleitet von einer umfangreichen Dokumentation.

In die Schweiz

Der zum Verkauf beauftragte Broker drückt die Stösse an Unterlagen bereitwillig einem interessierten Besucher in die Hand: Dr. Christian Jenny …

Bereits im Besitz des S.S. 90 Prototyps, bringt er das Fahrzeug 2006 in die Schweiz und nutzt, nach einer gründlichen Überholung, «John Black» regelmässig. Dank Jenny werden die Geschichte und Bedeutung des besonderen Autos publik. Mit gutem Grund: In AVC 318 spiegelt sich die Beziehung zwischen Lyons und dem Standard-Chairman John Black. Und der S.S. 90 ist ein Beispiel für Lyons geschickte Hand, mit Serienteilen, ausgeprägtem Sinn für Formen und knallharter Kalkulation ein Auto hervorzubringen, das bei gleichen Fahrleistungen billiger ist als die Konkurrenz. Der S.S. 90 kostet seinerzeit nur 395 Pfund. Der Zusatz «90» steht dabei für die Höchstgeschwindigkeit in Meilen – also rund 140 km/h. Und ganz wichtig: ebendieser Wagen hat den Gen-Pool begründet, der an den  XK, die C- und D-Type, den Jaguar E bis zum F-Type weitergegeben wurde. So gesehen steckt in jedem Jaguar Sportwagen ein wenig von der Substanz von AVC 318 «John Black».

Ein kompetenter Nachfolger

Philipp Husistein ist seit seiner Kindheit ein Jaguar-Enthusiast. Schon als Halbwüchsiger ist er nicht ganz unschuldig daran, dass sich die Mama einen Jaguar XJ gönnt. Und wer einmal von der springenden Katze gebissen wurde wird nicht so schnell wieder von ihr losgelassen.

Mit dem neuen Besitzer des S.S. 90  tritt ein Mann in die Verantwortung, der nicht nur dem kritischen Urteil Christian Jennys hat standhalten müssen. Philipp Husistein ist neben seiner Tätigkeit als Architekt auch als Dozent für Denkmalpflege an der FH Burgdorf tätig. Darüber hinaus erarbeitet der Experte vor diesem Hintergrund eine konstruktiv-kritische Betrachtung der vom Internationalen Oldtimer Dachverband FIVA (Fédération Internationale des Véhicules Anciens) herausgebrachten Grundsatzerklärung zum Umgang mit historischen Fahrzeugen und dem 2017 erschienenen Handbuch –  mit seinem Glossar und einer praktischen Wegleitung –, was darunter zu verstehen ist.

Über die Gratwanderung zwischen Erhalt und Nutzung historischen Kulturguts weiss Husistein somit bestens Bescheid. Damit ist für ihn klar: Um diesem Wagen in vollem Umfang gerecht zu werden und ihn angemessen zu würdigen, darf man die Quintessenz und der Grund seines Bestehens nicht vernachlässigen – das Fahren! Dank dem Mass an Verantwortung und Sorgfalt, die dem Auto durch den letzten Besitzer zuteil geworden ist, bleibt dies bedenkenlos möglich. Nachdem das Auto in der Hill-Sammlung eher als Steh- denn als Fahrzeug gedient hatte, sorgte eine von Christian Jenny veranlasste Motorrevision, nun mit korrekt dimensionierten Kolben sowie der Reparatur eines beschädigten Zylinders, für das Wiedererlangen der korrekten Funktion ohne Gefährdung der Grundsubstanz.

Philipp Husistein hat das Auto im vergangenen Jahr übernommen und ist seither schon über 2500 Kilometer damit gefahren. Und es werden gewiss noch viele dazukommen!

Text: Martin Sigrist
Bilder: Vesa Eskola / Dr. Christian J. Jenny

Technische Daten S.S. 90:

Standard 6-Zylinder Reihenmotor, seitlich-stehende Ventile SV,
2663 cm3, Bohrung x Hub: 73 x 106 mm, 2 Vergaser RAG (später umgebaut auf Solex UK)
80-90 bhp bei 5000/min, k.A. Nm bei /min,
4-Gang manuell (Moss) teilsynchronisiert, Hinterradantrieb.
Roadsterkarosserie (SS Ltd.), Blech auf Holz,
Leiterrahmen (hinten als Underslung, Chassiträger unter der Achse geführt),
v./h. Starrachsen an Längsblattfedern, mechanische Girling-Bremsen
(Trommeln, Kabelzug),
0–100 km/h k.A. (ca. 14s), Spitze 145 km/h (90mph),
L/B/H: 3800/1600/1370 mm, Reifen 5,50 x 18 Zoll,
Leergewicht: 1068 kg.
Bauzeit:  Mai 1935.
Stückzahl: 23 Expl.
Preis: neu 395 £.

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