«Les Belles Endormies»

Die Autosammlung eines Höhlenmenschen

Als der Genfer Universalgelehrte Pierre Strinati im September 2025 starb, hinterliess er das Erbe eines reichen Lebens. Strinati war Unternehmer, Biospeläologe, also Höhlenforscher, Fotograf – und leidenschaftlicher Autofan. Seine automobilen Kostbarkeiten kommen am 30. Januar 2026 in Paris unter den Hammer.

Veröffentlicht am 27.01.2026

Was ist ein reiches Leben? Eine mögliche Antwort lautet: Pierre Strinati. 1928 in Genf geboren, betrat er 1949 seine erste Höhle. Es folgten Expeditionen in Europa, Afrika, Asien und Amerika. Über 300 neu entdeckte Tierarten gehen auf seine Arbeit zurück, viele tragen heute seinen Namen.

Dass ausgerechnet dieser Mann über Jahrzehnte eine der faszinierendsten Autosammlungen Europas zusammengetragen hatte, wusste lange kaum jemand. Erst Bonhams entdeckte die Fahrzeuge – eingelagert in einer Schweizer Garage, staubig, unbenutzt, aber fachgerecht auf Achsböcken konserviert. Nach Strinatis Tod treten diese «schlafenden Schönheiten» nun erstmals ins Licht der Öffentlichkeit.

Elf Autos, kein Mindestpreis, viel Geschichte

Im Rahmen der Polo-de-Paris-Auktion werden elf Automobile versteigert, die man mit gutem Recht als «Les Belles Endormies» bezeichnen darf. Bonhams-Spezialist Maximilien Gagnebin spricht von «einer der letzten Sammlungen ihrer Art». Die Preisspanne reicht von rund 5000 Franken bis zu 2,3 Millionen Franken. Kein Mindestpreis. Dafür jede Menge Geschichte.

1934 Citroën C4 Kégresse Autochenille, Schätzung: 19.000–37.000 Franken

Dieses Halbkettenfahrzeug ist ein rollendes Expeditionsrelikt. Es entspricht weitgehend jenen Autochenilles, mit denen André Citroën 1931/32 zur legendären «Croisière Jaune» aufbrach – der spektakulären Durchquerung Zentralasiens entlang der Seidenstrasse. Möglich machte dies das von Adolphe Kégresse entwickelte Raupenantriebssystem. Zwei Expeditionsteams starteten in Beirut und Peking mit dem Ziel Kaschgar. Trotz politischer Wirren und technischer Rückschläge erreichte die West-Ost-Gruppe ihr Ziel. Strinati erwarb dieses Fahrzeug 1984 als eines der letzten Autos seiner Sammlung – als Erinnerung an eigene Forschungsreisen nach Afrika und Südamerika. Die Dokumentation umfasst eine historische belgische Zulassung sowie umfangreiche Literatur zur «Croisière Jaune».

1934 Mercedes-Benz 500K Coupé Vanvooren, Schätzung: 1.400.000–2.300.000 Franken

Der Mercedes-Benz 500K ist eine Machtdemonstration auf Rädern. Aufgeladener Achtzylinder, monumentale Präsenz, elegante Vanvooren-Karosserie – automobile Haute Couture der 1930er-Jahre. Der 500K war das bevorzugte Fortbewegungsmittel von Industriellen, Diplomaten und Aristokraten. Dass Strinati dieses Exemplar behielt, während er andere Fahrzeuge veräusserte, unterstreicht seinen besonderen Stellenwert innerhalb der Sammlung. Es ist das wertvollste Stück der «Belles Endormies».

1938 Delage D8-120 Cabriolet, Karosserie Henri Chapron, Schätzung: 230.000–330.000 Franken

Der Delage D8-120 gilt als Inbegriff französischer Ingenieurskunst. 4,0-Liter-Reihenachtzylinder, X-förmig versteiftes Chassis, hydraulische Bremsen – technisch auf Augenhöhe mit Hispano-Suiza. Dieses Cabriolet wurde Ende 1938 für einen Kunden aus Bern bestellt und von Henri Chapron eingekleidet. Strinati erwarb den Wagen Anfang der 1960er-Jahre.

1956 Mercedes-Benz 190 SL Roadster mit Hardtop, Schätzung: 56.000–84.000 Franken

Kein Auto, sondern eine Zeitkapsel. Neu gekauft am 28. Juni 1956 von Jeanne Strinati, Pierres Mutter, bei Etoilauto in Genf. Seitdem nahezu unberührt. Originaler Gummiteppich, originales Gepäckset, originale Flasche Ausbesserungslack im Kofferraum. Der Kilometerzähler zeigt nur 4612 Kilometer. Ein 190 SL mit Authentizität statt Hochglanz.

1939 Voisin C30 Saloon «Aérodyne», Schätzung: 210.000–260.000 Franken

Das automobile Vermächtnis des Luftfahrtpioniers Gabriel Voisin. Plexiglas-Dachfenster, aerodynamische Linien, radikaler Purismus: 1939 wirkte der C30 wie aus der Zukunft gefallen. Nur rund 20 bis 30 Exemplare entstanden, von denen heute lediglich fünf bekannt sind. Der Karosseriebauer dieses Fahrzeugs ist unbekannt – was seinen Mythos weiter nährt. Importiert 1963, in den 1980er-Jahren behutsam restauriert, Innenraum weitgehend original.

1951 Citroën Traction Avant 11 BL, Schätzung: 4700–9300 Franken

1934 revolutionär: Frontantrieb, selbst tragende Karosserie, Einzelradaufhängung. Dieses Exemplar wurde 1961 für 900 Franken als Alltagsauto gekauft. Originalinterieur, ehrlicher Zustand, 89.692 Kilometer auf dem Zähler. Dazu eine vollständige Dokumentation – vom Serviceheft bis zur Schweizer Zulassung.

1952 Willys Jeep Station Wagon 4×4, Schätzung: 9300–14.000 Franken

Ein ziviler Jeep für die Nachkriegszeit – robust, vielseitig, nahezu unzerstörbar. Strinati kaufte ihn 1982 als Erinnerung an frühere Expeditionen. Vermutlich restauriert, ungewöhnliche Lackierung, technische Details teils unklar. Abenteuer inklusive.

1941 BMW 335 Cabriolet Autenrieth, Schätzung: 23.000–42.000 Franken

Das luxuriöseste BMW-Modell der Vorkriegszeit. 3,5-Liter-Reihensechszylinder, 90 PS, 145 km/h Spitze. Nur rund 400 Exemplare gebaut. Dieses Cabriolet gehört zu den letzten produzierten Fahrzeugen, blieb unrestauriert und bewahrte seine originale Substanz.

1956 Jaguar XK140 Coupé, Schätzung: 23.000–42.000 Franken

Mehr Platz, bessere Bremsen, stärkere Technik als der XK120 – und weiterhin der legendäre 3,4-Liter-Sechszylinder mit 190 PS. Rechtslenker, neu nach Genf geliefert, originale Innenausstattung, originale Beschichtung der Auspuffkrümmer. 3150 Kilometer Laufleistung. Für Strinati, langjähriges Mitglied des Jaguar Drivers’ Club, ein sehr persönlicher Wagen.

Die Auktion findet am 30. Januar 2026, 12.00 Uhr MEZ, im Polo de Paris statt.

Bilder: Bonhams

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