Test Volkswagen Touareg V8 Diesel

Luxus für Bescheidene

Volkswagens Erfolg lag Jahrzehntelang in der Bescheidenheit. Doch diese hat ausgedient. Der Touareg V8 zeigt mit 421 PS wo der Hammer hängt.

Veröffentlicht am 03.05.2020

Fangen wir mit Zahlen an: 126 777.– Franken kostet unser Testwagen. Er ist also ein Sonderangebot! Das ist eine recht frivole Behauptung, aber sehen wir es mal andersrum: Innerhalb der Markenhierarchie von VW – Audi – Porsche – Bentley – Lamborghini ist der Touareg die preisgünstigste Variante um zu einem grossen SUV zu kommen. Na denn Prost! Immerhin wird auch einiges geboten: Ein bärenstarker Diesel, bester Fahrkomfort und das Gefühl unterwegs zu sein wie in Adams Schoss.

Das Fahrwerk ist serienmässig mit der Luftfederung ausgestattet, natürlich verfügt auch der V8 über die Allradlenkung. Innen gibt es konsequent virtuelle Instrumente mittels Display und dazu alle erdenklichen Sicherheitsfeatures, besonders zu erwähnen ist darunter das optionale Vision Paket, das nicht nur eine automatische LED-Beleuchtung beinhaltet, sondern auch Nachtsicht – dargestellt auf dem Cockpit-Monitor.

Traktor-Pulling

900 Nm Drehmoment stemmen den je nach Ausstattung bis 2.6 Tonnen schweren Touareg V8 nach vorne. Im Idealfall schafft er das bis 100  km/h in unter 5 Sekunden, was – gelinde gesagt – durchaus zum Fürchten sein kann. Bei einer maximal möglichen Anhängelast von 3,5 Tonnen wird dem Drang etwas Einhalt geboten. Während der 3,0 TDI V6 mit einer kurzen Sekunde Bedenkzeit am Gaspedal auf Drehzahländerungen reagiert, ein Merkmahl welches gemäss einem Volkswagen Ingenieur den Emissionen geschuldet ist, so liefert der hubraumstarke V8 seine Kraft sofort. In Kombination mit dem 8-Gang Wandlerautomat darf man sich auf Antrittsmomente wie bei einem Rangiertraktor freuen.

Oberklasse-Feeling

Unterwegs glänzt der grösste Touareg mit allerfeinsten Manieren. Er gleitet souverän über die Strasse und lässt sich von schlechten Oberflächen nicht beeindrucken. Das aufwändige Fahrwerk mit Fünflenkerachsen vorne wie hinten und der bereits erwähnten Allradlenkung macht den Touareg zwar nicht zum leichtfüssigen Sportler, aber er fährt sich präzise und ohne grössere Wank- und Nickbewegungen, dies dank der gegen Aufpreis erhältlichen, aktiven Wankstabilisierung. Es mutet geradezu pikant an, dass anderswo innerhalb des Konzerns für dasselbe knapp das Doppelte verlangt wird, auch für den gleichen Fahrkomfort.

Das Diesel-Argument

Kein Hybrid, nur die Kraft aus der Verbrennung fossilen Brennstoffs treibt den Touareg V8. Das mag inmitten der aktuellen Debatten erstaunen. Doch nüchtern betrachtet ist dies Vernünftig. Denn statt sich mit Zusatzballast wie E-Motor und Batterie weitere Pfunde aufzubürden, nutzt der grosse Touareg all jene Vorteile, die ein grosser Diesel mit sich bringt: Drehmoment aus dem Keller, niedrige Drehzahlen. Bei 100 km/h dreht der EA 898, so seine interne Bezeichnung, mit knapp 1200 Touren. Daraus resultiert ein Realverbrauch, der jedem grossen Plug-In-Hybriden spätestens nach dem Verlassen der Norm-Strecke – und dem Entleeren der Batterie – alt aussehen lässt: Selbst in unserem harten Testbetrieb schluckte der Touareg nicht mehr als 11.5 Liter Diesel. Als Testverbrauch ergaben sich 8,4 Liter. Angesichts der Leistungsdaten ein guter Wert. Die Mix-Angabe gemäss Werk von 7.5 Liter scheint machbar.

Digitales Minenfeld

Die Auslegung von Instrumenten und Infotainment als reine Digitallösung ist etwas zwiespältig. Eine Radiostation zu finden sollte man während der Fahrt unterlassen. Die Spracheingabe hilft einem dazu wenig, was anderswo anstandslos gelingt, auch Konzernintern, wie die Eingabe eines konkreten Senders, ignoriert das Touareg-System rundweg. Zudem sind die recht barschen Hinweise nicht jedermanns Sache. Dass sich zudem nach der Rückwärtsfahrt der Empfänger akustisch in den Hintergrund drängt um allerlei Piep- und Warngeräuschen den Vorzug zu geben, ist löblich. Doch dass sich das Gerät danach partout  nicht mehr meldet und selbst das Manipulieren am Lautstärkeregler keine Veränderung bringt, ist unverzeihlich. Dasselbe gilt für Heizung und Lüftung, konventionelle Drehregler für Elementarfunktionen und Tasten für die Primärnavigation würden die Bedienung erleichtern.

Fazit

Viel Geld für einen VW, aber dafür mit viel Gegenwert. Der Touareg V8 gibt sich erfreulich unkompromittiert. Der kräftige Vierliter passt hervorragend zum grossen SUV und ist die erste Wahl für Vielfahrer und heimliche Geniesser mit hohen Ansprüchen aber einem ausgeprägten Sinn für Understatement – oder für Sparer die sich das Beste gönnen, doch nicht zu jedem Preis.

Text: Martin Sigrist, Fotos: Niels Deparade

Technische Daten

Dieselmotor, 2x DOHC V8 90°, 3967 ccm
421 PS (310 kW), 900 Nm bei 1250 bis 3250/min
8-Gang Automat (Wandler, ZF)
Allradantrieb, Allradlenkung
5-Lenkerachse v./h.
Luftfederung
Querstabilisatoren, elektromech. verstellbar v./h.
0-100 km/h: 4.9 s
Spitze: 250 km/h
Leergewicht: 2310 – 2601kg
Anhängelast: 3500 kg
Normverbrauch: 7.4 l
Testverbrauch: 8.4 l
CO2: 195g/km
Effizienzkategorie: G

Preis:

Volkswagen Touareg R-Line:
ab 103 900 Franken
Preis des Testwagens mit Optionen:
126 777 Franken

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