Ford T überholt

Vor 50 Jahren – Käfer ist Weltmeister

Ein Meilenstein der Automobilgeschichte ereignete sich heute vor 50 Jahren am 17. Februar 1972: Der 15'007'034. VW Käfer läuft von den Bändern in Wolfsburg und überholt damit das bisher meistgebaute Auto aller Zeiten, den Ford Model T. Bei diesem wird von einer Stückzahl von 15'007'033 Exemplaren gesprochen, falls der alte Henry Ford richtig gezählt hat... Das Ereignis wurde in Wolfsburg gebührend gefeiert. Das zu dieser Gelegenheit lancierte Weltmeister-Sondermodell mit einer Auflage von 6000 Exemplaren ist heute sehr gesucht.

Veröffentlicht am 17.02.2022

Anfang der 1970er Jahre befindet sich die Volkswagenwerk AG in einer Phase des Umbruchs, das Unternehmen hat grosse Herausforderungen zu meistern. Ein starker Wettbewerb, gesättigte Märkte sowie neue Kundenbedürfnisse führen zu einem schwierigen Marktumfeld. Ersten Krisenanzeichen begegnet das Wolfsburger Automobilunternehmen mit kostensenkenden Massnahmen im laufenden Betrieb.

Auf der anderen Seite wird aber auch viel in eine neue Modellpalette investiert, welche Volkswagen mit den neuen Frontantriebsmodellen Golf, Passat, Scirocco und Polo wieder auf die Erfolgsspur zurückführen soll. Statt des bewährten luftgekühlten Boxermotors soll die neue Modellgeneration wassergekühlte Frontmotoren bekommen. Eine echte Revolution im Wolfsburger Automobilbau, die allerdings reichlich spät kommt. Die Zurückhaltung, die noch auf den 1968 verstorbenen Firmenpatriarch Heinrich Nordhoff zurück geht, hat allerings seine Gründe, denn 1971 war das Jahr, in dem Käfer seine höchste Jahres-Produktionszahl erreichte. 1'129'612 Stück! Warum also etwas ändern?

Der letzte Käfer wurde in Wolfsburg übrigens am 1. Juli 1974 gebaut, in Emden lief die Produktion weiter bis 1978. Dann lief dort nach 16'255'500 Exemplaren der allerletzte Käfer aus deutscher Produktion vom Band. Die letzte Ausbaustufe war der 1303 mit gerundeter Frontscheibe und "Elefantenfuss"-Heckleuchten. Danach wurde der Käfer aus Mexiko importiert. In Puebla lief die Produktion 2003 nach über 21,5 Millionen Exemplaren aus.

17. Februar 1972, 13.45 Uhr

In der Halle 12 des Werks Wolfsburg läuft am 17. Februar 1972 gegen 13.45 Uhr ein Käfer 1302 S vom Band. Es ist der 15'007'034. in Serie montierte Wagen, der somit den Produktionsrekord der „Tin Lizzy“, dem von 1908 bis 1927 von der Ford Motor Company gebauten Modell T, bricht. Seit Dezember 1945 in Serie produziert, ist der Käfer damit neuer Stückzahl-Weltmeister. Eine beachtliche Leistung für ein Modell, dem internationale Automobilexperten nach dem Ende des zweiten Weltkriegs keine lange Zukunft prophezeit hatten.

Selbst als Heinrich Nordhoff im Januar 1948 die Leitung des Volkswagenwerks übernimmt, begegnet er dem Käfer zunächst mit Skepsis. In den 1930er Jahren konstruiert, weist der Volkswagen noch etliche unzeitgemässe Mängel auf, die jedoch durch ständige Modellverbesserungen minimiert werden. Der ebenso zuverlässige wie wirtschaftliche Volkswagen wird bald nicht nur in Europa zum Bestseller, sondern auch auf vielen Exportmärkten zum Symbol des deutschen Wirtschaftswunders. Schon am 5. August 1955 wird das Produktionsjubiläum von einer Million Käfer gefeiert. Im November 1958 verleiht eine Jury aus Vertretern der fünf grossen amerikanischen Ingenieurverbände an Ferdinand Porsche postum sowie an Heinrich  Nordhoff und die gesamte Belegschaft des Volkswagenwerks den Elmer-Sperry-Preis für ihre Verdienste um Konstruktion, Herstellung und Verbreitung des Volkswagens. Nie zuvor war diese Auszeichnung für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet des Transportwesens an Nicht-Amerikaner oder Vertreter der Automobilindustrie gegangen.

Neun Jahre später, am 29. November 1967, läuft der zehnmillionste Käfer vom Band und am 17. Februar 1972 wird die 15-Millionen-Marke durchbrochen. Dieser Werktag wird zu einem Feiertag: Die Endmontage und der blaue Rekord-Käfer 1302 S werden mit Blumen dekoriert und der damalige Volkswagen-Vorstandsvorsitzende Rudolf Leiding hält anlässlich der Stückzahlengrossleistung eine Laudatio.

Gesuchtes Sondermodell

Als Dankeschön von Volkswagen wird die Sonderserie als zeitlich begrenzte Verkaufsaktion vom 19. Februar bis 31. März 1972 angeboten. Und die Bestellungen geben der Idee recht – über 6'000 Kunden greifen zu. Seine reichhaltige Sonderausstattung steht dem Weltmeister-Käfer damals wie heute gut zu Gesicht. Die hauseigene Abteilung „Farben und Stoffe“ hatte sich zuvor kräftig ins Zeug gelegt und eigens einen Farbton kreiert, dem die Interieurdesignerin Gunhild Liljequist einen sehr passenden Namen gibt: Marathon metallic.

Weitere Pluspunkte gegenüber der 1302-Basisversion sind sportliche Lemmerz-Weltmeisterfelgen, Halogenscheinwerfer, Doppeltonhorn, Rückfahrleuchten, beheizbare Heckscheibe, schwarze Cordsitze, Schalttafelpolsterung, aber auch praktische Dreingaben wie Fußraummatten und Gummischutzleisten an den Stoßstangen. Als Zugabe erhalten Weltmeister-Käufer eine charmante Accessoire-Auswahl: Neben einem Werkszertifikat gibt es einen Aufkleber, einen Schlüsselanhänger, einen Schmuckanhänger und eine Goldmedaille mit der Aufschrift „Der Weltmeister“.

Text: Stefan Fritschi und VW
Fotos: VW

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