Schon gefahren

Alfa Romeo Tonale – hey, Alexa

Alfa Romeo darreicht den Tonale-Käufern fünf Jahre Garantie. Und macht das kompakte SUV zum NFT, jedes Exemplar wird zu einem unverwechselbaren Unikat. Beides hätte man von den Italienern nicht dringend erwartet. Anderes schon.

Veröffentlicht am 05.05.2022

Wie viele Klassensiege Alfa Romeo bei der Mille Miglia insgesamt einfuhr, wir wollen gar nicht anfangen, sie zu zählen. Doch einer der aussergewöhnlichsten Erfolge gelang sicher 1952, da siegte ein Alfa Romeo in der Kategorie «Militär-Fahrzeuge». Mit doch 42 Minuten Vorsprung auf einen Fiat. Ob noch mehr Kontrahenten mittaten, das entzieht sich unserer Kenntnis, doch Sieg ist Sieg. Den Übernamen «Matta», die Verrückte, erhielt der Alfa Romeo mit der internen Bezeichnung AR51 allerdings nicht, weil er den Fiat deklassierte, sondern vom damaligen Alfa-Romeo-Chef Antonio Alessio, als er zum ersten Mal sah, was der AR51 nicht nur auf der Strasse, sondern vor allem im Gelände konnte.

Pech gehabt

Das hatte alles auch einen Grund: Nach dem 2. Weltkrieg gab es zwar noch jede Menge Willy’s Jeep in Italien, doch das Verteidigungsministerium wollte trotzdem seinen eigenen, einen italienischen Geländewagen haben. Der Auftrag wurde ausgeschrieben – und Alfa nahm die Herausforderung an. Giuseppe Busso, der Grossartige, beschaffte sich einen Land Rover, den man dem Jeep als überlegen erachtete, und baute ihm einen 65 PS starken 1,9-Liter-Alfa-Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen ein. Ob das wirklich passte, diese kleine Drehorgel in einem Geländewagen, der doch eher Drehmoment aus dem Keller braucht, sei dahingestellt. Dann gab es noch ein paar Änderungen am Design, und alles war gut im April 1951.

Oder auch nicht: Denn der Verantwortliche der Armee, Colonel Garbani, war nicht zufrieden. Also verpasste man dem Alfa eine neue Einzelradaufhängung vorne, eine neue Starrachse hinten, Trommelbremsen rundum – und ein komplett neues Design. Am 5. Oktober 1951 war der Colonel dann zufrieden – doch der Grossauftrag wurde trotzdem an Fiat und seinen Campagnola vergeben. Jenen, den der Alfa Romeo bei der Mille Miglia schon im Frühling und ohne die Weiterentwicklung deklassiert hatte.

Blockchain?

Es geht bei diesem kurzen Exkurs in die Geschichte nicht darum, Alfa Romeo zu einer Marke mit ernsthafter Geländewagen-Kompetenz erheben zu wollen. Das ist im Zusammenhang mit einem kompakten SUV ja auch gar nicht nötig, der ärgste Dreck, der Fahrzeugen aus diesem Segment angetan wird, stammt zumeist von verzogenen Innenstadt-Taschen-Hündchen. Auch haben die Italiener mit dem Stelvio in näherer Vergangenheit als mit dem AR51 bewiesen, dass sie durchaus SUV können, auch wenn dessen Verkaufszahlen nicht ganz so glänzend sind, wie man sich das bei FCA (unterdessen Stellantis) wahrscheinlich erhofft hatte. Aber «Matta», dies Verrückte, das passt irgendwie schon zum jüngsten Spross der Mailänder. Wobei, jung ist in diesem Fall relativ: der ganz neue Tonale steht auf einer Plattform, die dem Konzern schon seit 17 Jahren dient, unter anderem für den Jeep Compass. Die neue STLA-Plattform kommt erst im nächsten Jahr. Womit die Frage, ob es auch einen rein elektrischen Tonale auch gleich beantwortet ist, und dies mit: Nein.

Anlaufschwierigkeiten oder gar Kinderkrankheiten sind bei dieser bewährten Basis deshalb nicht zu erwarten. Wohl deshalb gibt Alfa Romeo fünf Jahre Garantie auf sein neues, in Süditalien gebautes Produkt. Fünf Jahre! Da sind die Italiener schon fast auf der Höhe gewisser Koreaner – und dringend erwartet werden musste das nicht. Aber es ist den Italienern ein grosses, ein wirklich dringendes Anliegen, endlich den ihnen seit dem Alfasud selig anheimgefallenen Ruch der Unzuverlässigkeit loszuwerden. Denn diesen glauben sie bei der Giulia und dem Stelvio als Wurzel allen Verkaufsübel ausgemacht zu haben, solches soll dem Tonale nicht widerfahren.

Und dann haut Alfa Romeo gleich noch einen drauf: NFT. Jeder Tonale wird zu einem «non-fungible token», also einem «nicht austauschbaren digitalen Objekt». Dies kennt man in dieser «brave new world» bisher vor allem von digitalen Kunstwerken, die einmalig und unveränderbar bleiben. Beim Automobil war diese Blockchain-Technologie, mit der die Geschichte eines jeden einzelnen Fahrzeugs vom ersten Handgriff in der Produktion über die Feinheiten in der Konfiguration bis hin zu jeder Ausfahrt, jedem Tankstop, jedem Service aufgezeichnet werden kann, auch nur eine Frage der Zeit. Doch man hätte es wohl eher von Bugatti oder Koenigsegg erwartet als von Alfa Romeo.

Es gibt aber sicher gute Gründe, dass die «Historie» eines jeden Tonale aufgezeichnet wird. So kann man sich als Käufer eines gebrauchten Tonale versichern, ob tatsächlich alle Servicearbeiten korrekt ausgeführt wurden, ob das Fahrzeug einen Unfall hatte, ob die angegebenen Kilometer auch der Tatsache entsprechen. Wie es um den Datenschutz steht, will uns Alfa Romeo dann noch erklären. Bald, denn dieser Tage kommt die «Edizione Speziale» auf den Markt.

Grosser Kofferraum

Und er kommt: flott. Als Top-Motorisierung steht (vorerst) ein Plug-in-Hybrid zur Verfügung, in dem vorne ein 1,3-Liter-Benziner mit 180 PS die Arbeit übernimmt, während hinten ein 90 kW starker E-Motor für zusätzlichen Vortrieb sorgt. Die Systemleistung beträgt so stattliche 275 PS, ein 6-Gang-Torque-Converter kann die Kraft ganz gezielt an alle vier Räder verteilen. Und die rein elektrische Reichweite ist über eine 15,5-kWh-Batterie mit 80 Kilometer auch ziemlich beachtlich; geladen werden kann allerdings vorerst nur mit maximal 7,4 kW. Ausserdem gibt es in Europa noch einen Mildhybrid-1,5-Liter-Benziner, der mit 130 und 160 PS angeboten wird und dank 48V-Bordsystem auch ein paar Meter nur mit Strom schafft. Spannend ist: es gibt für ausgesuchte Märkte auch einen 130 PS starken Diesel – und nur für Amerika einen reinen Benziner mit 255 PS, der dann wohl deutlich leichter sein wird als das PHEV. Für das eine Sprintzeit von 0 auf 100 km/h von 6,2 Sekunden auf dem Papier steht. Ob auch noch eine Quadrifoglio-Version folgen wird, darüber sind sich die Kommentatoren in den einschlägigen Foren auf dem Internet bislang noch nicht einig. Aber Alfa Romeo verneint es auch nicht.

Wenn wir schon bei den Zahlen sind: der Tonale ist 4,53 Meter lang, 1,84 Meter breit und 1,60 Meter hoch. Damit kommt er dem 4,68 Meter langen Stelvio schon überraschend nahe. Mit 2,63 Meter Radstand darf man ein gutes Innenraum-Platzangebot erwarten, und das bestätigt sich auch bei einer ersten Probefahrt. Auch hinten. Mit 500 Litern ist zudem der Kofferraum überdurchschnittlich gross in diesem Segment. Auch das erwartet man wohl von einem Alfa Romeo nicht unbedingt.

Doch noch wichtiger ist sicher die ganz direkte Ansprache der so glorreichen Vergangenheit. So ist das Info-Center direkt vor dem Lenkrad zwar erstmals in einem Alfa Romeo komplett digital, doch die Gestaltung orientiert sich stark am bekannten «Cannocchiale» aus den 60er Jahren. Die (optionalen) Fünfloch-Felgen, der schwebende «Trilobo», also der Kühlergrill, die vorderen Lampen, die an den SZ erinnern wollen, und die Dach-Linie im Stil der Bertone-Giulia sind weitere Beispiele von Zitaten, von denen die Italiener halt mehr zu bieten haben als andere Marken. Dass der Tonale, der erfreulich nah an der 2019 auf dem Genfer Salon gezeigten Studie bleiben durfte, zu den adretteren SUV gehört, versteht sich da irgendwie von selbst. Es gibt viele hübsche Details, neben der ganzen Retro-Romantik etwa die hinteren Leuchten mit ihrer aussergewöhnlichen Lichtsignatur.

Kein Schnäppchen

Dazu versprechen die Italiener auch eine Fahrdynamik, die mehr Alfa als SUV sein soll. McPherson-Federbeine rundum zeugen von einem Aufwand, der nicht überall betrieben wird, beim PHEV liegt die Gewichtsverteilung bei für diese alternative Antriebsart erfreulichen 52:48; ein Gesamtgewicht nennt die Premium-Stellantis-Tochter leider noch nicht (bei den beiden Hybriden sind es 1,6 Tonnen).

Fahren durften wir bislang nur den 160-Pferder. Das ist bis auf Weiteres auch das einzige verfügbare Modell. Man kann damit ganz gut leben, mit elektrischem Boost kommt der Italiener ganz gut voran, ganz besonders dann, wenn man den Dynamic-Fahrmodus anwählt. Dann ist der Alfa auch so ein klein wenig sportlich - was man, so glauben wir, von dieser Marke erwarten darf. Wobei: nach Alfa tönt dieser Alfa nicht, gar nicht. Aber er verfügt über eine ausgezeichnete Lenkung - und damit steht er unter den einigermassen kompakten SUV schon sehr alleine da. Ob das jetzt auch schon so etwas wie Fahrspass bedeutet: naja.

Premium ist selbstverständlich die Ausstattung, da ist alles an Infotainment und Connectivity - hey, Alexa! - und modernen Sicherheitsassistenten mit an Bord, was es heutzutage anscheinend braucht. Level 2 beim autonomen Fahren. Aber leider keine Fernentriegelung für die leider auch nur zweiteilig abklappbare Rücksitzbank. Bei all den Bestrebungen, das Automobil in ein fahrendes Smartphone zu verwandeln, können solche Kleinigkeiten gut auch mal vergessen gehen.

Ein paar der richtigen Ingredienzien für einen Erfolg scheint der Alfa Romeo Tonale also auf jeden Fall mitbekommen zu haben. Doch weil die Auto-Welt nicht nur aus Alfisti besteht, wird der Preis auch ein wichtiger Bestandteil sein. Und da erscheinen uns jetzt die mindesten 48'900 Franken für die, zugegeben sehr gut ausgestattete, «Edizone Speziale» nicht wirklich als Schnäppchen. Die Preise für die eingangs beschriebenen «Matta» sind übrigens noch einigermassen vernünftig, es ist allerdings schwierig, ein gutes Exemplar zu ergattern.

Text: Peter Ruch, Photos: Alfa Romeo

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