US-Car des Monats

Chevrolet Camaro ZL-1 - der komplett Irre

Es gab den Chevrolet Camaro ZL-1 nur ein Baujahr lang, 1969. Und nie vorher und nachher war ein amerikanisches Serien-Modell irrer.

Veröffentlicht am 27.03.2022

Die ersten Camaro von Chevrolet standen am 29. September 1966 bei den Händlern, stolze zweieinhalb Jahre nach dem Mustang von Ford, der Mutter aller «pony cars». Auch wenn der neue Wagen gewisse technische Verwandschaften hatte mit dem eher öden Chevy Nova, so war doch extra für den Camaro (und den ein Jahr später folgenden Pontiac Firebird) eine komplett neue Plattform entwickelt worden, der so genannte F-Body. Basis-Motorisierung war ein 3,8-Liter-Sechszylinder (230 ci), doch es gab von Anfang an richtig böse Geräte, etwa den SS, für den ein 6,5-Liter-V8 (396 ci) erhältlich war.

Doch der wahre Geheimtip war die Option Z/28, die im Dezember 1966 eingeführt wurde. Auf dem Papier sah sie nicht nach viel aus, ein 302-ci-V8 (4,9 Liter Hubraum) mit offiziell 290 PS (bei 5300/min) diente als Antrieb. Doch wer genauer hinsah, wusste schnell, dass Papier geduldig ist – und der Z/28 eigentlich ein Renn-Gerät. Der Motor hatte einen Alu-Block, einen 4fach-Holley-Vakuum-Vergaser, scharfe Nockenwellen – und drehte locker bis 7000/min. Das bedeutete dann: mindestens 400 PS. 602 Z/28 wurden vom 67er-Jahrgang verkauft.

Etwas mehr «hardcore»

Das war nichts im Vergleich zum Erdbeben, das der Camaro unter den «pony cars» verursachte: 221’306 Exemplare wurden schon im ersten Jahr abgesetzt. 1968 kam es noch besser, 235’147 Camaro wurden verkauft. Und weil der Z/28 auch in den offiziellen Prospekten aufgeführt war, stiegen seine Verkaufszahlen ebenfalls an, auf 7199 Exemplare. 1969 zeigte allerorten einen weiteren Anstieg, 243’085 Exemplare wurden abgesetzt, davon stolze 20’302 Z/28. Das heisse Teil war also fast so ein bisschen Normal-Programm geworden. Und da gab es harten Kern von Fans und Händlern, die sich so ein bisschen «hardcore» wünschten.

Nun nennen wir ein Zauberwort: COPO. Das steht ziemlich unsexy für «Central Office Production Order» und war ganz einfach die Abteilung bei Chevrolet, die sich mit den Sonder-Wünschen beschäftigte. Wer also ein Taxi mit einer speziellen Farbe wollte, der wandte sich an COPO. Dort wurde sein Wunsch erfüllt, vorausgesetzt, er war machbar – und es wurden mindestens zehn Exemplare bestellt. COPO musste sich nie an die Befehle von ganz oben halten, Hauptsache, es wurde Geld verdient.

Der richtige Bestell-Code

Nun taten sich einige bekannte Chevrolet-Händler zusammen und äusserten ihren Wunsch, eben, so ein 427er-Camaro (und wenn möglich, auch gleich noch eine Chevelle mit dem gleichen Motor). Vince Piggins, der Mann, der schon die ersten Z/28 konstruiert hatte, machte sich an die Arbeit. Es hatte viel von Heimlichtuerei. Nur die Eingeweihten durften wissen, dass sie unter dem COPO-Code 9561 einen Camaro mit dem 427-ci-Motor – besser bekannt als L72 – bestellen konnten (und unter Code 9562 eine ebensolche Chevelle). Das war schon ein feistes Teil, 430 PS und ein maximales Drehmoment von 624 Nm bei 4000/min.

Der engste Kern schreib aber «9560» auf die Bestellung – und erhielt dann ein echtes Renngerät. Aussen und auch innen sah das Vieh aus wie ein ganz profaner Sechszylinder-Camaro, doch unter der Haube schlummerte das Beste, was GM in jenen Jahren zu bieten hatte. Auch ein 427-ci-Motor, also 7 Liter Hubraum, doch komplett aus Alu. Mit einer Verdichtung von 12,0:1. Offiziell schaffte das Triebwerk 430 PS, doch keines dieser handgemachten Teile hatte weniger als 550 Pferde, einige besonders gut ausbalancierte Maschinen sollen gar auf 580 PS gekommen sein. Das maximale Drehmoment lag bei 610 Nm bei 4400/min. Und das Teil wog nur gerade 225 Kilo.

Auch mit Automat

Das sorgte dann für ziemlich viel Stimmung auf den amerikanischen Strassen; im «NHRA Super Stock»-Drag-Racing waren die ZL-1, wie diese speziellen Camaro genannt wurden, so gut wie unschlagbar. Mit den gewöhnlichen Strassenreifen schaffte der Camaro den Sprint von 0 auf 60 Meilen in 5,3 Sekunden, die Viertelmeile schaffte er in 11,6 Sekunden und erreichte dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 196,3 km/h. Man darf davon ausgehen, dass Chevrolet nie ein potenteres und schnelleres Gerät gebaut hat als diesen ZL-1, da konnten nicht einmal die Vetten mit dem L88-Triebwerk mithalten.

69 dieser ZL-1 wurden gebaut, 47 mit einer manuellen 4-Gang-Schaltung, die restlichen 22 mit einer Turbo-Hydromatic-400-Automatik (im Drag-Racing durfte man nur mit Automat antreten). Der Verbrauch war absurd, die riesigen Holley-Vergaser sogen bei zu 48 Liter auf 100 Kilometern aus dem Tank. Und auch der Preis war jenseitig, so ein ZL-1 kostete ohne Optionen 7200 Dollar, das Doppelte eines gut ausgestatteten SS396-Camaro-Coupé; 4160 Dollar waren allein für den Motor zu entrichten.

Das dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb COPO die Dinger kaum losbrachte, es dauerte bis Mitte der 70er Jahre, bis die letzten ZL1 verkauft waren. Heute werden selbstverständlich völlig absurde Preise für diesen wohl wohl heissesten aller «muscle car» bezahlt.

Text: Peter Ruch
Photos: RM Sotheby's

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