Edelstromer

Genesis GV60 – neongelber Handschmeichler

Er ist der erste Vollelektrische der noch jungen koreanischen Edelschmiede: Der Genesis GV60. Während sein Äusseres für Aufsehen sorgt, wirkt der Innenraum wie eine Oase der Ruhe.

Veröffentlicht am 16.02.2022

Im Strassenbild dürfte er nicht so grell auffallen, es sei denn das „Sao Paulo Lime“ glänzt frisch gewaschen in direkter Sommersonne. Aber in der perfekt ausgeleuchteten Studioatmosphäre wirkt es – vornehm ausgedrückt – sehr selbstbewusst. Man muss schon ein entsprechendes Selbstbewusstsein mitbringen, um sein Auto in Textmarker-gelb lackieren zu lassen.

Ansonsten gibt es an der Form des neuen Genesis GV60 wenig zu kritisieren. Auf der E-GMP-Plattform des grossen Hyundai-Kia-Konzerns bildet er mit Ioniq 5 und EV6 nun ein Dreiergespann, dass es auf völlig unterschiedliche Interpretationen des gleichen Themas bringt. Während der Hyundai den kantigen Pragmatiker mit Neo-Retro-Flair mimt, spielt der Kia EV6 klar die Karte des Dynamikers. Der Genesis wählt hier nicht etwa einen Mittelweg, sondern stellt eine Art edlen Powercruiser dar.

Seine 4,52m Länge lassen das elektrische Crossover-Modell überraschend kurz ausfallen, zumal im Kontrast zum mit 2,90m doch eher langen Radstand. Das bringt auf der einen Seite nicht nur knackiges Design mit kurzen Überhängen, sondern bietet dennoch im Innenraum sehr viel Platz. Überhaupt wirkt die Stilistik des GV60 angenehm reduziert. Sicher, an der Frontmaske ist in Sachen Luftein- und auslässen einiges los, auch die Zickzack-Chromleiste an der C-Säule ist nur eine überambitionierte Designer-Spielerei – im Gros ist der kleine Genesis aber sehr gefällig. Die zweizeiligen Lichter an Front und Heck kann man nun klar als Markenidentität erkennen und auch der Kühlergrill, der nun erstmals bei den noblen Koreanern auf ein vernünftiges Mass zusammengeschrumpft wurde, weist den Weg zum stilistischen Familiensilber. Kontrastierende Beplankungen an Radhäusern und Schwellern sowie die mächtigen 21-Zoll-Leichtmetallfelgen sind dem Topmodell geschuldet, ebenso wie die gigantische Bremsanlage, bestehend aus Vierkolben-Festsätteln und schwimmend gelagerten Leichtbau-Bremsscheiben. Ein Detail, das nicht nur die motorische Potenz des Genesis GV60 verrät, sondern auch den eigenen Anspruch untermauert, dass man auch sportlich einiges auf dem Kasten hat.

Das Performance-Modell des GV60 mit zwei 180 Kilowatt starken Elektromaschinen pro Achse und entsprechend auch Allradantrieb darf im Boost-Modus sogar 40 extra-kW von der Leine lassen. In alter Währung sind das 490PS und 700Nm. So sprintet der kleine Genesis in glatt 4,0 Sekunden auf 100km/h und schwingt sich auf 235km/h Spitzengeschwindigkeit auf. In Sachen Batterie bleibt es beim bekannten 800V-Pack der Brüder, allerdings gibt es im Genesis GV60 nur das grosse Pack mit 77kWh, was im Topmodell für 368 Kilometer Reichweite sorgt. Maximal sind 451km Reichweite möglich, dies in der Standard-RWD-Variante mit Heckmotor und 168kW. Wer zumindest Allradantrieb benötigt, der muss zum AWD greifen, der es auf 234kW im System bringt und glatte 400km schafft. Doch sind wir ehrlich: Es darf dann schon das Topmodell sein. Denn der GV60 hat seinen grössten Trumpf noch in der Hinterhand.

Das Interieur. Gerade in der sehr preissensiblen Elektro-Kompaktklasse hat man in Sachen Materialauswahl, Haptik und Verarbeitung schon einige Schocks erlitten. Und das nicht nur von kalifornischen Startups, sondern auch von arrivierten Volumenherstellern, die angesichts der horrenden Batteriekosten mit sehr spitzem Stift kalkulieren müssen. Genesis geht hier einen anderen Weg und transferiert die Opulenz der grossen 80er-Modelle direkt in den kleinen Stromer.

Handschuhweiches Leder, in noblem Blau, durchsetzt mit neongelben Kedern und ebensolchen Kontrastierung, die dezent hinter der Lüftungsperforation der Sitze hervorblitzt. Und das Leder ist nicht nur auf den Sitzen, auch die Türbrüstungen und die Armaturentafel sind damit bezogen. Der Dachhimmel ist in Wildleder-artiger Mikrofaser tapeziert, deren Haptik auf Augenhöhe mit der Luxusklasse ist.

Daneben wirkt die als Kristallkugel getarnte Gangwähleinheit beinahe wie überzeichnete Spielerei in einer Welt des alten Luxus und perfekten Handwerks. Doch auch das durchgehende Glascockpit reiht sich in den Mix aus Tradition und Moderne ein – den Funktionsumfang kennt man ebenfalls aus Ioniq 5 und EV6. Was man hingegen nicht kennt ist das Soundsystem von Bang&Olufsen. War eine Lautsprecherinstallation der skandinavischen High-Endern bislang nur zu saftigen Aufpreisen im automobilen Oberhaus erhältlich, spielen sie nun im Genesis GV60 völlig frei und in gewohnter Qualität auf. Selbstredend sind auch die Lautsprechergitter ein optisches Highlight.

Und es sind Details wie diese, die den GV60 schon im Fotostudio zu einem Highlight machen. Seine automobilen Qualitäten kann man direkt von den bekannten Talenten der E-GMP-Plattform ableiten, doch legt er gerade in den „soft skills“ deutlich mehr Kohlen ins Feuer im Vergleich zu seinen Brüdern.

Denn bei einem Elektroauto zählen andere Dinge. Komfort steht an allererster Stelle. Und hier liefert der Genesis GV60 wirklich gross ab. Obwohl er das kleinste Auto im Portfolio der Koreaner ist. Ein vielversprechender Start ins Elektrozeitalter. Übrigens: Den Preis kommuniziert Genesis noch nicht. Wir gehen allerdings für das Topmodell von knapp CHF 70‘000 aus. Was angesichts des gebotenen ein echtes Sonderangebot darstellt.

Text: ai-Online-Redaktion/DF/FM
Bilder: Roman Rätzke/Genesis

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