Murphy’s law

Grosse Pläne mit löchrigen Netzen

Veröffentlicht am 20.02.2020

Die Zukunft ist elektrisch», dröhnt es. Wer modern sein will, nimmt heute die «Elektrifizierung» so oft in den Mund wie vor zehn Jahren die Globalisierung. Die grosse elektrische Begeisterung löst allerdings in der Welt hinter der Steckdose Stirnrunzeln aus. Da sitzen die ewig vergessenen Kellerkinder der Elektrifizierung: die Stromnetzbetreiber.

Strom macht in der Schweiz 25 Prozent des Energieverbrauchs aus, aber 90 Prozent der Diskussion. Die Probleme liegen nicht bei der Produktion oder ob man nun Atomkraftwerke braucht oder nicht, sondern im Netz. Der Schweizer Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid geht davon aus, dass der Bau einer Hochspannungsleitung 30 Jahre dauert: ein Jahr zum Planen, zwei Jahre zum Bauen und 27 Jahre für die Juristerei. Abkürzungen gibt’s nicht. Sobald irgendwo ein Strommast hingestellt werden soll, läuft die Unterschriftensammlung dagegen. Keine Lösung sind unterirdische Leitungen, sogenannte Verkabelungen. Die brauchen im Höchstspannungsbereich eine Schneise so breit wie eine doppelspurige Autobahn. Die Umweltbelastung ist viel schlimmer als ein paar hohe, filigrane Masten – bei mehr als zehnfachen Kosten.

Doch das heutige Netz ist für Hunderttausende von Elektroautos nicht gemacht. Um allfällige Netzengpässe zu umgehen, hat Audi am diesjährigen WEF in Davos die Schnellladestation für seine Flotte von rund 50 offiziellen Audi e-tron an eine grosse Pufferbatterie gekoppelt. Sie bezog laufend Strom aus dem Netz und konnte dann die Fahrzeuge in rund 40 Minuten voll aufladen. Stromnetzbetreiber nutzen solche Grossbatterien zur Stabilisierung der Netze. Sie kosten pro Megawattstunde (MWh) Speicherkapazität etwa eine Million Franken – rund 20 000 Franken pro WEF-Audi.

Höhere Preise bei den Schnellladestationen sind nur der Anfang

Nun ist am WEF verkehrsmässig nicht gerade viel los. Vor ein paar Jahren führte der kalifornische Messgerätehersteller Picarro in Davos CO2-Emissionsmessungen durch – vor, während und nach dem WEF. Erstaunt stellten die Amerikaner fest, dass die Emissionen während der WEF-Woche um 35 Prozent unter das Jahresmittel sanken, während sie zum Saisonhöhepunkt um den Jahreswechsel noch
35 Prozent über dem Jahresmittel lagen. Die Limousinen-Schlangen täuschen, die Parkplätze der Bergbahnen sind nämlich leer. Um Tausende von Skifahrern für die Heimreise ins Mittelland mit Strom zu versorgen, wären massive Investitionen nötig, selbst wenn die Fahrzeuge nur teilweise geladen würden, weil sie auf der Fahrt bis Landquart die Batterien durch Rekuperation laden könnten.   

Hinweise auf künftige Kosten fürs schnelle Laden jenseits der gemächlichen heimischen Steckdose gibt die heftige Preiserhöhung von Ionity an seinen Schnellladestationen entlang der europäischen Autobahnen. Da kostet die Kilowattstunde Strom nun plötzlich fast 74 Eurocent. Stromern wir damit so teuer wie dieseln. Im grossen Entrüstungssturm ist untergegangen, dass solche Aufschläge früher oder später überall blühen. Netzbetreiber wollen in neuen Preismodellen nicht mehr mengen-, sondern leistungsmässig abrechnen. Wer schnell lädt, zahlt mehr. Denn die heutige Netzinfrastruktur ist nicht fürs schnelle Laden ausgelegt.  In der Welt hinter der Steckdose warten pro schnellem Ladeplatz deshalb rund 20 000 Franken Kosten für dickere Kabel, Absicherungen und Trafostationen – plus allenfalls eine Batterie ähnlich jener von Audi. Die Upgrades im Stromnetz kosten damit pro Ladestation oft etwa so viel wie ein Tiefgaragenplatz.

Die Allgemeinheit wird diese Rechnung nicht mehr ohne Weiteres übernehmen. Die Zukunft mag elektrisch sein. Doch sie ist mit Sicherheit nicht billiger als die heutige thermische Welt. Denn von 90 Prozent Diskussion zu 90 Prozent Realität ist es ein grosser, teurer Schritt – vor allem in der Welt hinter der Steckdose.


Edward Aloysius Murphy (1918–1990) war Luftfahrtingenieur in den USA. Er gilt als der Entdecker von «Murphys Gesetz». Sein Sekretariat ist erreichbar über murphy@auto-illustrierte.ch.

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