

Immer der Linie nach
Zwei neue Autos, zwei völlig verschiedene Charaktere – der eine lächelt dich an, der andere zieht die Stirn kraus. Was neues Design über die Haltung verrät.
Man geht zu seinem Auto, öffnet es, steigt ein, fährt los – so einfach ist das. Nicht für einen Automobildesigner. Wer einem zuhört, merkt schnell: Ein Auto soll mehr sein als nur ein Fortbewegungsmittel. Es soll Präsenz verkörpern, Emotionen transportieren.
Macht alle glücklich
Beim neuen VW ID. Every1, erzählt ein Mitarbeiter auf der Präsentation des besagten Fahrzeugs, soll man schon bei der Annäherung ein gutes Gefühl bekommen. Freude. Die Lust, gemeinsam etwas zu erleben. Deshalb setzt das Design auf fröhliche, einladende Formen. Hochgezogene Linien vermitteln Offenheit, Heiterkeit. Die runden Konturen verstärken diesen Eindruck. Auch die “Kommunikation” über die Scheinwerfer – freundlich, fast ein wenig verspielt – haben da einen grossen Anteil. Der Entwurf zitiert Bekanntes: ein bisschen Polo hier, ein Hauch Scirocco da, und bei genauem Hinsehen sogar eine Prise Golf.
Und doch – bei aller Harmonie – stellt sich leise die Frage: Ist das noch Design oder schon Gefälligkeit? Wer sehr gemocht werden will, riskiert, sich anzupassen. Vielleicht wirkt der ID. Every1 gerade deshalb wie ein sympathischer Mensch, der darauf achtet, dass es wirklich jedem gut geht. Angenehm, klar – aber auch ein bisschen zu glatt?

Stuttgarter Frischling
Ganz anders der neue Mercedes-Benz CLA. Er ist der Gegenentwurf und zieht, um bei der Bildsprache zu bleiben, die Mundwinkel deutlich nach unten. Konsequent abfallende Linien verleihen ihm einen ernsten, fast strengen Ausdruck. Die Silhouette ist flach, gestreckt – und wirkt überraschend, da Mercedes dem sogenannten One-Bow-Design, das bei EQE und EQS wenig Begeisterung hervorrief, eigentlich Lebewohl sagen wollte. Nun bleibt es im CLA dabei – wenn auch in einem dynamischeren Zuschnitt. Mercedes selbst spricht von Sportlichkeit. Oder Eleganz. Doch bei aller Formvollendung bleibt hängen: Dieser CLA will ernst genommen werden. Wer ihn von schräg hinten ansieht, erkennt ein Auto, das die Stirn runzelt.
In Falten legen
Was uns wiederum die Stirn runzeln lässt, ist der Trend zum durchgehenden Lichtband bei Elektroautos. Es erinnert an zusammengewachsene Augenbrauen – etwas, das jede 14-jährige YouTube-Beauty-Tutorial-Spezialistin schon als No-Go markiert hat. Was beim Menschen nicht gut aussieht, funktioniert auch beim Auto nicht unbedingt besser. Hoffen wir, dass die Monobraue bald wieder verschwindet.
Der neue CLA sagt: Ich bin erwachsen, fokussiert, ein echter Mercedes – guck, man erkennts auch an den 300 Sternchen. Der ID. Every1 dagegen? Der will einfach ein guter Freund sein.
Design ist kein Zufall. Es ist Haltung. Mercedes setzt auf Coolness und Distanz, VW auf Freundlichkeit und Nähe. Es geht nicht um richtig oder falsch – sondern um Wirkung.
Auf den Rendering-Bildern sehen Sie den VW ID.Every1 Cross und Mercedes-Benz CLA ShootingBrake, wie wir sie uns vorstellen.
Text: GAT
Bilder: Mercedes, Volkswagen, Schulte Design