Abgassoftware in Dieselfahrzeugen

Winterkorn muss Busse bezahlen

Stolze 288 Millionen Euro zahlen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, seine früheren Kollegen und deren Versicherungen an Volkswagen als Ersatz für durch den Abgasskandal entstandene Schäden. Der Löwenanteil kommt von der Versicherung, wie das Branchen-Portal "Automobilwoche.de" berichtet

Veröffentlicht am 10.06.2021

Es ist eine Rekordsumme, angesichts der Dimension der Dieselkrise aber gleichzeitig nur ein eher symbolischer Betrag: Volkswagen erhält von Ex-Konzernchef Martin Winterkorn, drei weiteren früheren Topmanagern und Haftpflichtversicherungen fast 288 Millionen Euro Schadenersatz. So soll zumindest ein Teil der Mitverantwortung für die Abgasaffäre abgegolten werden, die 2015 ans Licht kam. Ein Grossteil der Gesamtsumme entfällt dabei auf spezialisierte Haftpflichtversicherungen, die VW für seine Manager abgeschlossen hatte.

Laut der abschliessenden Einigung wurde ein Betrag von knapp 288 Millionen Euro vereinbart, hieß es am Mittwoch aus dem Unternehmen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende persönlich zahlt 11,2 Millionen Euro. Ex-Audi-Chef und -VW-Konzernvorstand Rupert Stadler soll selbst 4,1 Millionen Euro überweisen. Bei ihm und Winterkorn geht es um die Verletzung aktienrechtlicher Sorgfaltspflichten. Der frühere Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz steuert zudem 1,5 Millionen Euro bei, der ehemalige Audi-Manager Stefan Knirsch eine Million Euro.

 

Versicherungen zahlen 270 Millionen Euro

Daneben gibt es zusätzliche Versicherungsleistungen, die weit über den privaten Beträgen liegen. Sie summieren sich nach Angaben von VW auf insgesamt 270 Millionen Euro. Mehr als 30 Anbieter sogenannter D&O-Policen («Directors and Officers»), die auf Haftungsrisiken im Management spezialisiert sind, beteiligen sich - darunter Grössen wie Allianz, Zurich oder Axa. "Das ist ein gutes Verhandlungsergebis und in der Höhe angemessen", sagte eine VW-Sprecher.

Sowohl die persönlichen Zahlungen als auch die versicherte Abdeckung ergäben "mit Abstand die höchste Summe, die ein solches Konsortium in Deutschland jemals auf den Tisch gelegt hat", hieß es aus Kreisen der Unterhändler. Und das Ergebnis sei in nur 10 Wochen ausgehandelt worden: Erst Ende März war im Aufsichtsrat die Grundsatzentscheidung gefallen, Winterkorn und einige von dessen Kollegen nach "Dieselgate" finanziell zur Mitverantwortung zu ziehen.

Die 11,2 Millionen Euro, die allein Winterkorn zahlen soll, ist die höchste Summe, die je ein deutscher Manager als Schadenersatz zahlen musste. Bisher hilt diesen Rekord Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der im Korruptionsskandal einst 5,2 fünf Millionen Euro zahlen musste. Der frühere Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer beglich nach der Kirch-Pleite 3,2 Millionen Euro.

Dennoch deckt das Geld, das nun fliessen soll, weniger als ein Hundertstel dessen ab, was der Abgasbetrug VW aus der Bilanz frass. Die Diesel-Rechtskosten machen im größten deutschen Konzern inzwischen über 32 Milliarden Euro aus.

 

Hackenberg will nicht zahlen

VW hatte auch von Ex-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg Schadenersatz verlangt. Dieser sei aber "nicht zu einer Einigung bereit", weshalb nun "gerichtliche Schritte" gegen ihn vorbereitet werden sollen.

Auch mit dem früheren VW-Motorenchef Heinz-Jakob Neusser, den VW als sechsten Manager in Regress nehmen wollte, gab es keine Einigung. Damit hatte dem Vernehmen nach auch niemand gerechnet. Die Ansprüche gegen ihn wurden bereits gerichtlich geltend gemacht, hiess es. Beide Seiten stehe bereits vor Arbeitsgericht: Neusser klagt gegen seien Kündigung, die VW nach dem Diselskandal ausgeprochen hatte.

Die vereinbarten Zahlungen, die ausserhalb zivil- oder strafrechtlicher Prozesse besprochen wurden, könnten einen vorläufigen Schlusspunkt in der jahrelangen Aufarbeitung individueller Verantwortlichkeiten in der Abgasaffäre setzen. Die für den 22. Juli 2021 angesetzte Hauptversammlung muss die Beschlüsse noch billigen. Vor den Gerichten selbst sind in bereits laufenden oder in demnächst anstehenden Verfahren jedoch weitere Fragen zu klären.

 

Winterkorn beteuert seine Unschuld

Nach dem Auffliegen der Stickoxid-Manipulationen an Dieselmotoren in den USA im Herbst 2015 kam es zu Verfahren rund um den Globus. Auch Strafjustiz und Verbraucherschützer befassten sich mit dem Ursprung des Skandals, der die Autoindustrie in eine Vertrauenskrise stürzte und den VW-Konzern bisher weit über 30 Milliarden Euro kostete.

Relativ früh räumte Volkswagen gegenüber dem US-Justizministerium seine prinzipielle Schuld an der Täuschung von Kunden und Behörden ein. Der Aufsichtsrat beauftragte jedoch zusätzlich die Kanzlei Gleiss Lutz, um die internen Abläufe in der Zeit vor der Dieselaffäre zu untersuchen. Diese Prüfung dauerte mehr als fünf Jahre.

Winterkorn hatte beteuert, sich vor Bekanntwerden der Vorwürfe stets nach bestem Wissen korrekt verhalten zu haben. Er habe "alles Erforderliche getan und nichts unterlassen, was dazu geführt hätte, den entstandenen Schaden zu vermeiden oder geringer zu halten".

Text: Automobilwoche.de/dpa/swi/joh
Foto: Wikipedia

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