Ford Müdigkeitsanzug

Ford Müdigkeitsanzug – Achtung, Schlafmütze!

Müdigkeit am Steuer kennt jeder. Vor allem Jugendliche, die häufig in Unfälle verwickelt sind. Ford hat einen Müdigkeitsanzug entwickeln lassen, der die Auswirkungen von Schlafentzug simulieren soll. Wir haben den Selbstversuch im «Sleep Suit» gemacht.

Veröffentlicht am 24.12.2021

Jedes Jahr das Gleiche: Noch nie habe ich es nach den anstrengenden Pressetagen an der Messe in einem Rutsch nach Hause geschafft. Nach kurzer Zeit werden die Augenlider schwer, und meist ist  es schon an der ersten Raststätte Zeit für ein kurzes Nickerchen. Vorbildlich! Müdigkeit am Steuer ist schliesslich eine häufige Unfallursache – nicht nur, aber besonders bei jungen Menschen. Die opfern Studien zufolge eher ihren Schlaf – sei es für Arbeit, Studium oder schlicht um Party zu machen. Fatal, denn «Jugendliche müssten eigentlich sogar mehr schlafen. Im Laufe des Lebens sinkt das Schlafbedürfnis», erklärt Dr. Gundolf Meyer-Hentschel vom gleichnamigen Institut. Um das Bewusstsein für die Gefahren von Übermüdung am Steuer zu schärfen, hat sein Team im Auftrag von Ford den sogenannten Sleep Suit entwickelt, der die Auswirkungen von Müdigkeit simulieren soll. Zugegeben, ich gehe höchstens noch als Berufsjugendlicher durch, trotzdem will ich den Selbstversuch auf abgesperrter Strecke wagen.

Ausgerüstet wie ein SWAT-Team

Was Patricia Dürst von Ford Schweiz (oben) am TCS-Training Center Betzholz aus ihrem Köfferchen holt, sieht aus wie die Ausrüstung für ein Sondereinsatzkommando: Bleiweste, Bleimanschetten für Hände und Füsse, eine ebenfalls mit Gewichten versehene Kappe sowie eine getönte Sonnenbrille, die Robocop gut zu Gesicht stehen würde. Mehr als 18 Kilo hängt Patricia mir an. Ich fühle mich im wahrsten Sinne des Wortes «bleischwer». Aber was hat das Ganze mit Müdigkeit zu tun? «Es geht darum, das Verlangsamen der Bewegungen darzustellen. Müdigkeit beeinträchtigt die Grobmotorik viel mehr, als wir uns klarmachen», klärt mich Dr. Gundolf Meyer-Hentschel später auf.

Das spüre ich schon zu Fuss: Wie ein Zombie schlurfe ich zum Auto. Gar nicht so einfach, sich in vollem Blei-Ornat auf den Fahrersitz zu hieven. Allein die Weste wiegt zehn Kilogramm. Und schon das mit
4,5 Kilogramm beschwerte rechte Bein über den Einstieg zu wuchten ist äusserst mühsam. Die Fahrertür erscheint mit weiteren 3,5 Kilogramm am linken Arm doppelt so schwer wie normal. Puh, endlich drin!

Unser Standard-Slalom ist bereits aufgebaut. Das sollte kein Problem sein, da die Spezialbrille, die die Sicht einschränkt, zunächst nicht zum Einsatz kommt. Ganz so easy ist es dann aber doch nicht, zumindest wenn man nicht schummelt: Zuerst stütze ich den linken Arm samt den Gewichten  auf der Türverkleidung ab. Solange geht es noch recht ordentlich. Zumal ich den Parcours zur Not selbst einhändig fahren könnte. Aber Tricksen gilt nicht! Bei den Lenkbewegungen mit beiden Armen behindert das Gewicht dann doch stärker als gedacht, die Reaktionszeit ist spürbar reduziert – eben ähnlich wie bei Müdigkeit. 

Im Blindflug unterwegs

Noch stehen aber alle Hütchen. Es folgt Runde zwei unter verschärften Bedingungen. Patricia rutscht auf den Beifahrersitz und übernimmt das Kommando über meine Sehkraft: «Hallo, wer hat das Licht ausgeschaltet», rufe ich. Urplötzlich wird es zappenduster. Patricia steuert meine Brille via Handy-App. Je nach vorgewähltem Programm wird die Brille länger oder kürzer abgedunkelt. So wie beim berüchtigten Sekundenschlaf, bei dem der Fahrer im Blindflug unterwegs ist. Was nur wenige wissen: Sekunden- beziehungsweise Mikroschlaf kann genauso bei offenen Augen auftreten. Es handelt sich um eine Notwehrreaktion des überlasteten Gehirns, das keine Informationen mehr verarbeiten kann und selbstständig herunterfährt. Simuliert werden kann durch die Brille nur der Sehverlust, was umso unheimlicher ist, weil man zwar alles mitbekommt, aber nichts sieht.

Programm A ist nicht mehr als ein Blinzeln: Eine halbe Sekunde wird es mir schwarz vor den Augen. Das kann im falschen Moment zwar schon zu lange sein, beim Slalom hat es aber noch kaum Auswirkungen. Ganz anders im stärksten Modus: Es flackert vor meinen Augen, wird erst kurz dunkel, dann wieder hell. Danach bleibt es Nacht. Links, rechts, links. Anfangs gelingt es mir noch, blind den Kurs zu halten. Dann komme ich aus dem Rhythmus und bin verloren: «Du sagst es mir, wenn ich in die Bande fahre?», bitte ich meine Beifahrerin besorgt. Dann rumst es auch schon! Das erste Hütchen muss dran glauben, dann das zweite, und wir brechen ab. Volle zehn Sekunden war ich optisch ausgeknipst, gefühlt eine Ewigkeit. Nicht auszudenken, wenn man so im Strassenverkehr Hunderte Meter zurücklegen würde. Die Folgen: verheerend.

Auf den Strich gehen

Das gilt nicht nur fürs Autofahren, wie das nächste Experiment zeigt. 16 Stunden ohne Schlaf wirken sich aus wie 0,8 Promille Alkohol im Blut. Das merke ich spätestens, als ich versuche, auf einer geraden Linie zu gehen. Die asymmetrisch verteilten Gewichte an Armen und Beinen stören das Gleichgewicht. Und als es wieder völlig dunkel wird, ist es doppelt schwer, geradeaus zu gehen.

Langsam stellt sich der Kater ein – Muskelkater wohlgemerkt. Vor allem mein Nacken, der mit der bleigefüllten Kappe zusätzliches Gewicht stabilisieren muss, schmerzt. Selbst das Aussteigen ist mir zu mühsam. Nach all den Anstrengungen bin ich wirklich hundemüde. Ich glaube, ich mache erst einmal ein kurzes Nickerchen. Weil: müde Auto fahren geht schliesslich gar nicht!

Text: Michael Lux
Fotos: Vesa Eskola

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