Legenden
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Porsche 924 Carrera GTS Rallye: Röhrls erstes Mal

Mit dem Porsche 924 Carrera GTS Rallye begann die Zusammenarbeit zwischen Porsche und dem Langen. Doch es war mehr ein Zufall. Nach 40 Jahren gab es nun ein ebenso überraschendes Wiedersehen der beiden Legenden.

Veröffentlicht am 10.07.2021

Es hätte ein bayrisch-schwäbischer Traum werden sollen: Rallye-Weltmeister mit Röhrl auf Mercedes-Benz. Mit Akribie hatte Erich Waxenberger, der legendäre Stratege und Chef des Rallye-Programms, die kommenden Einsätze geplant. Der Mercedes-Benz 500SL bewährte sich im Rallye-Trimm in der Saison 1980 und für das kommende Jahr plante Waxenberger den grossen Aufschlag: Den Sieg der Weltmeisterschaft.
 
Röhrl und Geistdörfer waren bereits verpflichtet, Ari Vatanen ebenfalls und der junge David Richards sollte ebenfalls zum Team gehören. Geplant waren nicht weniger als vier Fahrzeuge, die bei sämtlichen Rallies eingesetzt werden sollten. Waxenberger wollte den Titel und er war sich sicher, dass er ihn bekommen sollte.

Das Projekt wurde beerdigt, bevor es überhaupt begann

Doch seinem Projekt wurde noch vor dem ersten Shakedown der Benzinhahn abgedreht. In der entscheidenden Vorstandssitzung forderte er die finanzielle Ausstattung für das gesamte Projekt, plus die Entwicklungsbudgets für einen Mittelmotor-getriebenen Allrad-Prototypen, der zukünftige Regelements erfüllen und jederzeit siegfähig sein würde.
 
Doch Waxenberger hatte die Rechnung ohne die schwäbische Konservative gemacht. Der Vorstand vertraute nicht auf sein Wort. Erfolg im Motorsport sei trotz aller eingesetzter Ressourcen nie planbar. Die Daumen senkten sich, Waxenberger schäumte. Er machte auf dem Absatz kehrt und verliess die Sitzung.
 
Noch am gleichen Tag sollen drei bereits fertig aufgebaute Einsatzfahrzeuge verkauft worden sein. Waxenbergers persönlich eingesetztes Rallye-Begleitfahrzeug wurde verschrottet.

Röhrl war über Nacht arbeitslos

Was für den bei Daimler arbeitenden Oberbayern eine sehr persönliche Pleite darstellte, war für einen anderen Bayern ebenfalls ein grosses Problem: Walter Röhrl war über Nacht arbeitslos und ohne Einsatzfahrzeug für die Saison 1981. Für einen Fahrer mit Titelambitionen trotz des für damaligen Verhältnisse gigantischen Ausfallhonorars von 900‘000 DM keine sehr befriedigende Situation.
 
Und so trat Porsche in das Leben des Langen. In Zuffenhausen war man der Situation in Untertürkheim mehr als gewahr und lauerte auf die grosse Chance. Schliesslich dauerte es nach dem Durchsickern des Daimler-Vorstandsbeschlusses aber noch einige Woche, bis man Röhrl verpflichten konnte, man hatte schlicht noch kein Auto für ihn.
 
Basis der Zusammenarbeit sollte auf Wunsch von Roland Kussmaul der Porsche 924 Carrera GTS werden. Der Rallye-Spezialist und Projektleiter der Rennabteilung setzte fortan allen Einsatz und unzählige Nachtschichten auf Basis der Erfahrungen der vergangenen Saison und des in Le Mans mehr als erfolgreichen 924 GTP ein, um Röhrl ein siegfähiges Gerät an den Start stellen zu können..

Ein Image-Schub für den Hausfrauen-Porsche
 

Die Personalie Röhrl kam Porsche mehr als gelegen. Denn der Porsche 924 verkaufte sich zwar prächtig, sein Image lag trotzdem von Beginn an darnieder. Es mussten also Motorsport-Erfolge her. Mit dem Überraschungserfolg beim 24h-Rennen von Le Mans fasste man in den Rennabteilung Mut und konnte auf die Unterstützung des Unternehmens für weitere Entwicklungen bauen.
 
Aus dem 924 Turbo entstand somit kurzerhand der 924 Carrera GT, der als Homologationsfahrzeug für alle weiteren Rennsport-Modelle herhalten musste. Der intern Typ 937 genannte Carrera GT, von dem 1981 genau 406 Exemplare entstanden sind, katapultierte den 924 in die Sportwagenliga.
 
Schon optisch macht er viel her, die Kotflügelverbreiterungen aus Glasfaserkunststoff sind zusammen mit der Lufthutze: ein Hingucker. Das Interieur entspricht weitgehend dem des 924 Turbo. Höhepunkt war aber der Zweiliter-Turbo, der mit leichteren Schmiedekolben, gehärteten Nockenwellen, einem überarbeiteten Zylinderkopf, einer von 7,5 auf 8,5:1 erhöhten Verdichtung und mehr Turbodruck (0,75 bar) auf 210 PS gebracht wurde.
 
Auch das Fünfgang-Getriebe wurde verstärkt, auf Wunsch gab es ein Sperrdifferenzial. Ein Beschleunigungswert von 6.9 Sekunden von 0 auf 100 km/h und eine Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h machten den damals rund 60‘000 D-Mark teuren Typ 937 zu einem wahrhaften Sportgerät.

Der Carrera GT war nur der Anfang einer Reihe von Sonderfahrzeugen


 
Mit dem schnell ausverkauften Carrera GT war aber noch nicht Schluss. Porsche verstand nicht nur, dass man mit den Sonderfahrzeugen gutes Geld verdienen konnte, sondern auch jede Lücke im Reglement ausfüllen konnte, sofern das entsprechende Basisfahrzeug in entsprechender Stückzahl auf die Strasse kam. Es folgte also die Geburtsstunde des Porsche 924 Carrera GTS.
 
50 Exemplare fanden ihren Weg zu den Kunden, trotz eines horrenden Preises von 110‘000 D-Mark. Die Karosserie wurde abermals wilder, vor allem dank umfangreicher Leichtbaumaßnahmen. So bestanden Hauben und Türen aus leichtem Kunststoff, sämtliche Scheiben bis auf die vordere aus Makrolon. Selbst die charakteristischen Klappscheinwerfer musste einer feststehenden und von Kunststoff-Scheiben abgedeckten Lösung weichen.
 
Das auf nur noch 1‘121 Kilogramm reduzierte Kampfgewicht durfte dafür auf einen nochmal deutlich leistungsgesteigerten Motor vertrauen. Der Ladedruck wurde noch einmal auf nun 1,0 bar erhöht und die Peripherie darauf angepasst. Porsche selbst gab den Motor mit eher pessimistischen 245PS und 335Nm an. Die Höchstgeschwindigkeit erhöhte sich auf 250km/h und die Sprintzeit verkürzte sich auf 6,2 Sekunden.

Kussmaul überarbeitete den Carrera GTS noch einmal deutlich

Der Porsche-Mannschaft schien der Porsche 924 Carrera GTS die ideale Basis für das Rallye-Projekt. Robuste Technik, feine Balance und wenig Gewicht. Und so bot man schliesslich ein Rallye-Paket an, das mit 145‘000 D-Mark Grundpreis noch einmal gehörig auf den per se schon horrenden Kaufpreis des Typ 939 Carrera GTS aufschlug.
 
Für das Geld bekam man aber nicht nur ein einsatztaugliches Rallye-Gerät, sondern auch einen nochmals auf 275PS leistungsgesteigerten Motor, dessen Ausbaustufe für den normalen GTS nun auch als Clubsport-Umfang zu bekommen war.

Ankommen war das Ziel für die Saison 1981

Man rechnete sich bei Porsche gegen die arrivierten Teams wenig Chancen aus. Die Maxime für die Saison mit Röhrl und Geistdörfer lautete also: Durchkommen! Im ersten der sieben Meisterschaftsläufe lief der 924 Rallye tatsächlich noch nicht richtig rund. Röhrl konnte also nur den zweiten Rang herausfahren. Nicht nur die Konkurrenz war beeindruckt.
 
Der folgende Lauf, die Hessen-Rallye, wurde dann auch schon gewonnen. Es folgten Siege bei der Serengeti-Safari-Rallye, der Vorderpfalz-Rallye und der Baltic-Rallye. Die Premieren-Saison für den Porsche 924 Carrera GTS Rallye war mit Röhrl am Steuer nicht weniger als ein Durchmarsch.
 
Doch nach nur einer Saison und 10‘371 Kilometer am Tacho sollte das Leben des goldenen Rallye-Helden schon wieder enden. Die Saison war beendet und Röhrl zog es mit Opel wieder in die Weltmeisterschaft.

Der Beginn einer langen Freundschaft

Zum 40-jährigen dieser legendären Meisterschaftssaison und zum 74. Geburtstag von Röhrl hat die Mannschaft des Porsche Museum dem Langen nun eine besondere Freude gemacht. Das Werkstatt-Team rund um Kuno Werner hat das originale Einsatzfahrzeug in enger Abstimmung mit Roland Kussmaul in höchster Geheimhaltung wieder zum Leben erweckt.
 
Die Überraschung ist geglückt, oder wie Röhrl sagt: „Ich war unheimlich verwundert, als plötzlich Roland mit diesem Auto angefahren kam.“ Und auch wenn es nicht so klingt, hat sich der zweimalige Rallye-Weltmeister sehr über das Wiedersehen gefreut, denn es hat ihm die Tür zu Porsche geöffnet.

 

Text: AL
Bilder: Werk, Archiv

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